Im Rausch des Lernens und Lehrens

Im Rausch des Lernens und Lehrens

Christina Thürmer-Rohr – Urheber/in: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Christina Thürmer-Rohrs Thesen von Mittäterschaft und Männerkrieg verwirrten mich. Ich fand sie widersprüchlich und neu zugleich. Was mich verwirrte, war für Tina etwas Selbstverständliches: Frauen sind keine Täterinnen, sondern Mittäterinnen. So wie ich, die in den 1980er Jahren nach Deutschland kam, keine Bürgerin, sondern Mitbürgerin war? Aber deutsche Frauen sind keine Ausländerinnen, die zu Mitbürgerinnen wurden, sie sind Bürgerinnen und können nach meinem Verständnis sehr wohl auch Täterinnen sein. Oder zählen sie genauso als am Rande der Gesellschaft Lebende wie ich und meines Gleichen? Als Mitbürgerin habe ich einige Pflichten, wenige Rechte und viel Verantwortung – wie die deutschen Frauen mit ihrer Mittäterschaft; ihre Verantwortung endete nicht 1945.

Die Idee vom « Männerkrieg » hat für Frauen etwas Befreiendes, sie erleichtert etwa den schweren Kriegsalltag. Weil am Kriegsschauplatz hauptsächlich Männer physisch anwesend sind, sollten Kriege Männerkriege sein. Aber glauben wir wirklich, dass die drei Ps – Politik, Planung und Programmatik – allein von Männern gemacht werden? Machen wir und weiße deutsche Frauen es uns da nicht etwas zu leicht? Christina Thürmer-Rohr sagte, sie sei eine totale Pazifistin. Womöglich trifft das auf viele Frauen weltweit zu. Dennoch: Reicht es, Kriege als Männerkriege abzustempeln?

All diese Fragen stellten einige von uns an Christina Thürmer-Rohr und ihre Frauschaft aus der Frauenforschung. Es gab heftige Diskussionen, Kritiken und gegenseitige Vorwürfe. Wir lernten voneinander, wir lernten einander kennen, wir griffen einander an, wir waren im Rausch des Lernens und Lehrens. Damals hieß ich noch nicht PoC (People of Color), war keine Frau mit Migrationshinter­grund, sondern eine Frau aus der « Dritten Welt » und für die Menschen, die sich mit interkultureller Pädagogik beschäftigt hatten, Migrantin.

Zwei Jahre davor hatten wir, Christina Thürmer-Rohr und einige andere Feministinnen, zusammen ein Frauenbildungsprojekt gegründet: Nozizwe war das erste multikulturelle feministische Frau­enbildungsprojekt, in dem es nicht um Deutschkurse und kulturelles Miteinander ging, sondern um feministische Diskurse. Veränderung verstanden wir als Bewegung. Das ursprüngliche Konzept des Projekts hatte Christina Thürmer-Rohr unter anderem mit der damaligen Senatorin für Frauen, Anne Klein, entwickelt und einen Verein gegründet. Wir als Migrantinnen waren als Dialogpartnerinnen vorgesehen. Doch das akzeptierten wir nicht, weil mensch Dialog nicht forcieren kann. Wir entwickelten stattdessen ein Konzept, das uns viel mehr Raum gab und gleichberechtigtes Sprechen versprach. Es ging nicht mehr um einen Dialog zwischen Weißen und PoCs, sondern um einen Dialog zwischen internationalen Feministinnen mit unterschiedlichen Perspektiven und Perzeptionen. Doch die Debatten entgleisten, wir stritten uns, und es endete in einer Katastrophe. Die Projektgelder wurden gestrichen, der Verein konnte keine Gehälter mehr zahlen, und im Irak wütete der Krieg.

Die PoC-Feministinnen – ich rede nur von den Frauen, die in dieser Bewegung involviert waren – hatten sich mehrheitlich gegen den Irak-Krieg positioniert und dies auch lauthals kundgetan. Das war ein Fehler, den wir, die PoC-Feministinnen, in der Zeit öfter begingen. In Deutschland bezieht mensch keine Position bezüglich so eines heiklen Themas. Jedoch ging die so entstandene Debatte weiter. Der Antisemitismus-Vorwurf der weißen Feministinnen, jüdischen und christlichen, gegenüber den PoC-Frauen ging auch weiter. Ein geschichtsloses Argument war, dass die Kolonisatoren den Antisemitismus in die Kolonien gebracht hätten. Den Frauen in der « Dritten Welt » sei der Antisemitismus anerzogen worden. Es ist etwas Anderes für weiße Frauen und das bis heute, wenn sie gegen Rassismus und Antisemitismus eintreten oder jüdische oder migrantische Partner_innen oder Freund_innen haben, dann sind sie gefeit vor diesen Vorwürfen.

In dieser Zeit des Erwachens war ich beschäftigt mit allen meinen Irritationen und meinem Gerechtigkeitsstreben. Ich diskutierte weiter über Männerkriege und migrantischen Antisemitismus. Die Simplifizierungen der Analyse der Kriegsverantwortung oder der Analyse des Antisemitismus gingen mir nahe. Die weißen Feministinnen können doch nicht wahrhaftig annehmen, dass sie keine Verantwortung für Kriege tragen, auch wenn sie meistens nicht diejenigen sind, die das letzte Wort haben. Wenn wir alle nur die Bindestrich-Verantwortung tragen würden, würden die Lasten nicht weniger, sondern nur verklärt.

Ein noch schwerwiegenderes Thema war der Antisemitismusvorwurf. Ich bin eine indische Feministin und damit eine kolonialisierte Person, und das bedeutet, zur Antisemitin erzogen worden zu sein. Ich habe die Geschichte Indiens, eines der wenigen Länder, in denen Juden nicht verfolgt wurden, nicht als Geschichte eines emanzipierten Landes interpretiert, sondern als Zweckmäßigkeit verstanden. Damit meine ich, dass es nicht aus Nächstenliebe geschah, sondern es diente dem staatlichen Interesse. Aber in der feministischen Debatte im Berlin der 1990er Jahre spielte nicht Geschichte, sondern das Gewissen die wichtigste Rolle. Ich stelle mit Bedauern fest, dass sich nicht viel geändert hat und Feminist_innen nach wie vor viel mit « Selfcare » beschäftigt sind. Ich weiß, ich mache den gleichen Fehler wie früher und mir damit nicht viele Freundinnen.

Die Diskussionen, die ich heute mit anderen Feminist_innen führe, sind häufig eindimensional, und wir haben entweder die gleiche Couleur, oder wir haben eine unüberwindbar scheinende politische Differenz. In beiden Fällen kommen wir nicht weiter. Ich habe das Thema Irritation gewählt, weil die Irritationen, die Thür­mer-Rohrs Thesen bei mir ausgelöst haben, mich inspirierten, weiter zu gehen in meiner Analyse, in meinem Nachdenken, in meinen Diskussionen und Streits. Christina Thürmer-Rohr, die Philosophin, die Feministin hat mich inspiriert. Ich vermisse unsere Streitigkeiten, die mich intellektuell nicht stagnieren ließen.

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