Eine Welt, die noch keinen Namen hat. Gegen die Subalternität von Solidarität

Cover: Sabine Hark "Koalitionen des Überlebens". Urheber: Wallstein Verlag. Alle Rechte vorbehalten.

Mitten in die ultrahocherhitzte Stimmung der queeren Community flattert ein Büchlein, das für queere Bündnispolitiken im 21. Jahrhundert plädiert. Fast gleichzeitig zu den für Furore sorgenden Bänden „Beissreflexe“ und „Selbsthass & Emanzipation“ erschien „Koalitionen des Überlebens“. Eine Rezension von Katrin Köppert

 

Mitten in die ultrahocherhitzte Stimmung der queeren Community flattert ein Büchlein, das für queere Bündnispolitiken im 21. Jahrhundert plädiert. Fast gleichzeitig zu den für Furore sorgenden Bänden „Beissreflexe“ und „Selbsthass & Emanzipation“ erschien „Koalitionen des Überlebens“ der selbst bereits in den Strudel dieser Aufgebrachtheit geratenen Geschlechterforscherin Sabine Hark. Der gleiche Verlag, der mit der Veröffentlichung von „Grenzen der lesbischen Identität“ dafür sorgte, dass Sabine Hark Queere Theorie im deutschsprachigen Raum mitbegründen konnte, ist heute Sprachrohr einer entsolidarisierenden Polemik gegenüber der von Hark noch immer vertretenen Notwendigkeit, das Soziale als einen Raum politischen Handelns wiederzugewinnen, der die begrifflichen Grundlagen politischer Handlungsfähigkeit zur Disposition stellt (47). „Koalitionen des Überlebens“ bildet daher einen wichtigen Kommentar zu dem, was im Buch als Befund der Gegenwart queerer Communities kritisch diskutiert wird: die Subalternität von Solidarität (17). Deswegen, aber auch weil das tendenziöse Bashing gegen Gender- und Queer Studies nicht mehr länger nur Ausdruck des Anti-Genderismus des Mainstreams ist, sondern sich inmitten vermeintlich linkspolitisierter LGBTTIQ-(Denk-)Räume einrichtet[1], möchte ich den kleinen Band mit hoffentlich großem appellativen Gewicht zur Lektüre empfehlen.

Solidarität ist ein restlos ruinierter Begriff

Der Vorrat an Gemeinsamkeit in queeren Communities scheint aufgebraucht, was Hito Steyerl zu der sehr nachvollziehbaren Äußerung veranlasste, Solidarität sei heute subaltern geworden (17). Was spätestens mit der AIDS-Krise zusammengebracht wurde – Schwule und Lesben, die mittels neuer Aktionsformen und Bündnisse für eine materielle Reorganisation von Sozialität sorgten (27) – findet sich gegenwärtig, mehrfach differenziert, in Lager aufgeteilt. Wenngleich unter der Regenbogenflagge des Terms LGBTTIQ segelnd, scheint keine gemeinsame, von Identität unabhängige Sprache der Emanzipation möglich (17).

Daher fragt Hark nach der Quelle für eine Form der Sozialität und Solidarität, die Gewissheiten verlernen helfe. Zu einer solchen Gewissheit, die verlernt werden will, zählt das eigene Selbst, zumindest wenn es als feststehende Basis unserer Handlungen anderen gegenüber angenommen wird. Das Selbst zu verlernen, heißt, das Selbst als Episode zu erlernen.

Macht des gemeinsamen Anfangens

Um danach fragen zu können, was heute den Moment des Aufbruchs in eine Welt komplexer Beziehungen markiert, die zum Handeln episodischer Selbste befähigen (24), geht sie zu den Anfängen des queeren Aktivismus und Denkens zurück. Jetzt, wo am Ast Queerer Theorie gesägt wird, um die neoliberale Verkommenheit von queer einerseits und autoritäre Wende[2] andererseits herauszustreichen, produziert Hark einen Anachronismus und wendet sich dem „Moment des Aufbruchs von Null“ (25) zu. Sie erinnert an die AIDS-Krise in den späten 1980ern. Queer konnte in dem Moment entstehen, in dem die Politik, „eine ‚Minderheit’ assimilatorisch in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren“,an ihre Grenze gestoßen war (27). Als es der Mehrheitsgesellschaft ideologisch nicht mehr möglich war, männliche Homosexualität, die zum Zeichen der Krankheit gemacht wurde, zu integrieren, konnte der Separatismus innerhalb der Community überwunden werden, konnten neue Bündnisse entstehen, war Solidarität möglich.

Geschickt nutzt Hark die Geschichte als Spiegel unserer Gegenwart. Auch wenn  dieser Kniff den komplexen und nicht immer friedfertigen Konstellationen innerhalb des Aids-Aktivismus nicht gerecht wird, versucht Hark mithilfe der historischen Referenz zur (sie inkludierenden) Community zu sprechen; zu uns, die sich in reflexhafte Grabenkämpfe verstrickt haben und den Wettbewerb der Marginalisierten befeuern. Noch bevor es dazu kommt, dass die Mehrheitsgesellschaft uns die Konsequenzen unseres Separatismus aufzeigt und wir vollends von der Re-Ideologisierung monogamer, familienzentrierter Heterosexualität (26) (Stichwort „Ehe für Alle“) überrollt werden, gelte es, den Moment von queer zu beschwören, um ein anderes Sein einzuüben (30). Es müsse darum gehen, queer als Bewegung des Anfangens zu verstehen. Welt würde dabei nicht dogmatisch antizipiert, sondern zeige sich offen gegenüber Ungewissheiten. Auch wenn sie sich hier ein bisschen verheddert – also davon spricht, dass es nicht darum ginge, einen Anfang zu bestätigen, um anfangen zu können, eine neue Welt zu erfinden, und trotzdem die Stunde Null von queer behauptet – scheint mir das Denken des Möglichen, das sie Monique Wittigs Roman Les Guérillères entlehnt, ein wichtiger Impuls für eine andere Tonalität in der Debatte zu sein.

Weil wir gefährdet sind, können wir Sozialität erschaffen

Für diesen anderen, der gemeinsamen Zukunft zugewandten Ton ist eines ganz wichtig: die Anerkennung des eigenen Selbst als verwiesenes, als nicht über sich selbst verfügendes. Entgegen der Behauptung des bürgerlich liberalen Rechts, die darin besteht, Individuen als eigengesetzlich gedachte Subjekte zu inthronisieren, setzt Hark, Judith Butler folgend, einen Autonomiebegriff, der auf die wechselseitige Verwiesenheit zielt. Autonomie kann nur in Sozialität gedacht werden (41). Es existiert keine „Gemeinschaft gegenseitig isolierter Einzelner“ (41). Es existiert nur eine Gemeinschaft voneinander abhängiger Wesen. Daraus folgt, dass die Gefährdung des Anderen durch Diskriminierung, Hass und Ausgrenzung, auch mich tangiert. Der Schmerz der Anderen steht in unmittelbarer Beziehung zu meiner eigenen Gefährdungslage, selbst wenn diese durch andere Parameter der sozialen Ungleichheit bestimmt ist (45).

Die Anerkennung unserer Ausgesetztheit an Andere bildet schließlich den Ausgangspunkt für Koalitionen (52). Damit verkehrt Hark im Anschluss an Butler die Tendenz des gegenwärtig so präsenten Gegeneinander-Aufrechnens von Verletzung. Nicht die Frage, wer wie viel von wem verletzt wurde und wie sich das subjektive Recht zur Durchsetzung von Wehrhaftigkeit etablieren ließe, zählt, sondern der Versuch, sich gegen die liberale Ideologie der Vereinzelung von Diskriminierung und von Rechten zur Bekämpfung dieser zu stemmen. Es müsse darum gehen, eine neue Grammatik der Solidarität (52) zu erfinden, die auf der Erkenntnis beruht, dass alle den Anderen von Anfang an ausgeliefert sind, dass wir uns nie als nicht ko-existent zu Anderen begreifen können. Im Beißreflex beißen wir uns am End immer selbst. Im Beißreflex kann Solidarität nur subaltern bleiben. Das können wir als wie auch immer queer politisierte Community nicht wollen.

Urheber: Wallstein Verlag. Alle Rechte vorbehalten.

 

 

Sabine Hark (2017): Koalitionen des Überlebens. Queere Bündnispolitiken im 21. Jahrhundert, Göttingen: Wallstein Verlag

 

 

 

 


[1] Vgl. Vojin Saša Vukadinović (2017): Zündstoffe. Queere Positionen und Kritik, in: Siegessäule Juli 2017, 22.

[2] Vgl. Patsy l´Amour laLove (2017): Zum Sammelband, in: Patsy l´Amour laLove (Hg.): Beissreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten, Berlin: Querverlag, 9.

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