Mädchen werden auch geil!

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Feministischer Zwischenruf

Wie zwei neue Netflixserien das Patriarchat missachten und wirkliche Sexgeschichten erzählen.

SexSex hat in unserer patriarchalen Gesellschaft eine Altersbeschränkung.. Urheber: Photoauge.. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Sex hat in unserer patriarchalen Gesellschaft eine Altersbeschränkung. Mit der chronisch unterthematisierten Menopause werden Frauen aus dem Rahmen der Schönheitsstandards gekippt – und dann ist auch Schluss mit Sex. Und natürlich gilt die Restriktion auch für die Jüngeren, zumal wenn die Pubertät gerade erst beginnt. Das allgemeine Interesse setzt erst ein, wenn der Übergang zum Erwachsenwerden absehbar ist. Doch statt junge Frauen in ihren körperlichen Veränderungen wahr- und ernst zu nehmen, geht es dann meist darum, mit fragwürdiger Neugier und doppelzüngiger Moral den Einstieg in die sexuellen Sphären der Erwachsenenwelt zu beobachten. Frauen 

Alle Rechte vorbehalten.

erblühen in diesen Geschichten oder erwachen als ginge es floral-märchenhaft um ihre eigene Wahrnehmung. Aber so großzügig und selbstlos ist der männliche Blick nicht. Mit 18 dann dürfen offiziell Pornos geguckt werden. Im Internet zum Beispiel. Doch dank der Alternativen zum Öffentlich-rechtlichen Fernsehen und zum Blockbuster-Kino finden sich nun auf Netflix zwei schlaue Serien, die diese Regeln missachten und zeigen, dass Sexualität fast immer sehr viel früher, aber zuweilen auch um einiges später ihre Fühler in die Biographien von Menschen reckt.

Viel Spass mit den Hormon-Monstern

In der animierten Serie „Big Mouth“  geht es um eine Handvoll 12-Jähriger, die sich in frühen Phasen ihrer Pubertät befinden und ihren sich verändernden Wahrnehmung und Körper ausgesetzt sind.

Sie werden von imaginierten Hormon-Monstern begleitet, die ihnen bei jeder Gelegenheit Sex unter die Nase reiben und gegen die die Kids wie wahre Vernunftwesen wirken. Es geht überwiegend um Penisse, Masturbation, Sperma, ein bisschen Peer-Pressure und Verliebtheiten samt queerer Momente. Und damit um die drei männlichen Protagonisten. Die einzige weibliche zentrale Rolle Jessi kämpft mit einem BH-Kauf, ambivalenten Blicken auf ihre Brüste, Stimmungsschwankungen und der Scham die erste Periode auf einem Klassenausflug in einer weißen Shorts zu durchleben.

Bis zu der Folge, die mit „Girls Are Horny Too“ betitelt ist. Wann immer dieser Satz fällt, explodiert einem Jungen der Kopf. Der Rote Lustfaden ist zwar ein erotisches Buch, das von Mädchen und Frauen allen Alters verschlungen wird, aber das Highlight der Episode ist weniger romantisiert, dafür umso direkter und vor allem anrührend und witzig.

Jessi wird von ihrem Hormonmonster dazu aufgefordert, Bekanntschaft mit ihrer Pussy zu machen. Im Handspiegel zeigt sich dann eine charmante Muschi, die sich und ihren anatomischen Aufbau vorstellt und Jessi im Gespräch die Scheu nimmt sich ihrer zu widmen. Das Ende des Dialogs legt nahe, dass Jessi nun in eine Masturbations-Premiere eintaucht.

Muss das sein, dass 12-Jährige Mädchen in populären Comicserien onanieren?

Ja! Das muss es. Und auch der ganze restliche Fäkal-und-Fick-Humor ringsrum ist absolut relevant, denn er ist real. Die Weichheit, Herzlichkeit und Offenheit dieser Erzählung rahmt das, was auch aggressiv-zotig und zynisch hätte werden können. Ich wünschte, jede 12-Jährige würde diese Serie kennen und in einen erkenntnisreichen Dialog mit ihrer freundlichen und dann schon bald gar nicht mehr so unbekannten Vulva treten.

Nie abwertend, sondern einfach unbeschämt

Die zweite sehenswerte Serie heißt „Chewing Gum“. Die Protagonistin ist doppelt so alt wie die „Big Mouth“-Kids. Ihre Sexualität steckt aber auch noch in der Pubertät. Als Tochter einer radikal-christlichen Mutter ist sie zur Enthaltsamkeit verpflichtet, wenngleich sie in den sechs Jahren ihrer Beziehung zu einem ebenfalls christlichen jungen Mann stark davon phantasiert, zu vögeln was das Zeug hält. Ihre Tagträume zeigen Moves, die sie, mit ihrem zweiten Freund endlich einem Realitycheck unterziehen kann.

So saugt und leckt sie ihm rhythmisch und inbrünstig an der Nase, penetriert mit ihrer Zunge sein Ohr, setzt sich auf sein Gesicht, reitet es nicht wirklich wissend, ob sie dafür ihre Pyjamahose ausziehen sollte und beim ersten Versuch eines Blowjobs pustet sie sanft in Richtung seines Penis’. Keiner dieser Momente ist unangenehm oder slapstickig anzuschauen. Michaela Coel, die die Figur der Tracey erfand, und preisgekrönt spielt, sorgt dafür, dass sie in ihren sexuellen Explorationen nie das Gesicht verliert oder abwegig freaky wirkt. Denn in kaum einem anderen popkulturellen Setting wird während der Sex-Szenen so offen und unbeschämt kommuniziert wie in dieser Serie. Wirklich vorbildlich. Auch wie über Körper, zum Beispiel die Form von Traceys Brüsten oder der erektilen Dysfunktion ihres Freundes Connor gesprochen wird, hat keinen verletzenden oder herabwürdigenden Ton. Ganz im Gegenteil, man will ihr danken, dass sie so offen über Scheidenpilze und gescheiterte Threesomes spricht. Keine Fremdscham, keine Wut auf sensationalistische Drehbücher, nichts als Sympathie für diesen Charakter, der Normalität nicht mal als Negativfolie aufruft.

In Zeiten von „Dear White People“, „Orange Is The New Black“, „Transparent“, „Sense 8“ und anderen Non-Comedy-Serien mit Fingerspitzengefühl für identitätspolitische Themen, ziehen nun offenbar die humorigen Produktionen nach und ignorieren die Heuchelei der Volljährigkeits-Buttons der Mainstreamporno-Industrie aufs Herzlichste.

Was für eine gute Zeit.

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