Und jetzt auch noch die Sternenkriege

Und jetzt auch noch die Sternenkriege

Feministischer Zwischenruf

Die neuen Star Wars Filme zeigen starke Frauenrollen wie nie zuvor. Die Filmkritik lobt und viele Fans toben. Was ist passiert?

BB-8BB-8 ein Droide aus der Star Wars Saga. Urheber: Patrick Catuz. Alle Rechte vorbehalten.

Star Wars war Männersache. Als ich mit meiner Freundin ins Kino ging - sie ist seit ihrer Kindheit Fan - sagte sie zu mir: "Die glauben jetzt sicher alle, ich schau mir das nur für dich an." Kein Wunder, so männlich wie Star Wars über fast 40 Jahre besetzt wurde. Das ist nicht nur ein Problem des Star Wars Franchise. Allgemein spielten Frauen in Blockbuster-Filmen bislang selten die erste Geige. Ellen Ripley (Alien), Sarah Connor (Terminator), Katniss Everdeen (The Hunger Games) - sie alle eroberten einen Platz im Popkulturhimmel. Die meisten weiblichen Figuren, wie Prinzessin Leia (Star Wars), Triniti (Matrix) oder Hermione (Harry Potter) besetzen aber streng genommen nur Nebenrollen. Das hat sich im neuen Star Wars radikal geändert. 

Star Wars, ein Kind seiner Zeit?

In den ersten beiden Trilogien gibt es je nur eine einzige relevante weibliche Figur. Im ersten Teil, der Ende der 1970er Jahre in die Kinos kam, ist die einzige Hoffnung Leia, hält sie doch die Pläne des Death Star in Händen. Sie ist eine handlungstragende Figur, zumindest bis sie im zweiten Teil immer mehr über die Beziehungen zu Männern definiert wird. Ab dann dient sie der Charakterentwicklung der beiden männlichen Protagonisten. Im dritten Teil schließlich begegnet sie den Zuschauer*innen als Sexobjekt im Bikini.

Trotzdem wurde Leia zur Ikone für starke Frauen im Film. In den späten 70er Jahren war eine Prinzessin, die mit Kanonen, rumballert noch selten und daher befreiend. Dennoch ist sie eine einsame Heldin. Star Trek indessen wartete schon in den 60er Jahren mit mehreren weiblichen Charakteren auf und setzte auf Diversität. Das hat nicht mal viel mit Social Justice zu tun, Science Fiction als Genre ist prädestiniert dafür. Es ist ja naheliegend, dass in fernen Welten oder Dimensionen andere soziale Konventionen ausgebildet werden. Die Reproduktion realer Geschlechterrollen ist da genauso phantasielos wie unwahrscheinlich. Da jedoch George Lucas eher an der Zerstörung, denn an der Weiterentwicklung der Serie zu arbeiten schien, fiel die Figurenentwicklung der Trilogie um das Millenium (der ersten drei Episoden) ähnlich schlecht aus, wie das übertriebene CGI (Computer Generated Imagery) oder das langweilige Skript. Die einzig relevante Frauenfigur in dieser Trilogie ist Padme. Sie ist im ersten Teil noch eine einflussreiche Politikerin. Über die drei Filme wird sie zu der geheimen, hilflosen, schwangeren Frau eines cholerischen Mannes, der ihr gegenüber gewalttätig ist. Am Ende stirbt sie an gebrochenem Herzen.  

Rey - unabhängig, kämpferisch und mysteriös

Erst die neuen drei Filme sind ein echter Fortschritt. Sie arbeiten nicht nur mit einem adäquaten Anteil weiblicher Figuren, sondern es gibt auch eine weibliche Hauptfigur. Im Feld der Blockbuster, zumal im Star-Wars-Universum ist das eine Sensation. Sie heißt Rey und ist ähnlich mysteriöser Herkunft wie einst Anakin oder Luke. Sie ist unabhängig, treibt Handel, bewegt sich autonom über den unwirtlichen Planeten, kämpft. Als sie den desertierenden Storm Trooper Finn kennenlernt, scheint sich eine Lovestory anzubahnen. Doch es kommt anders und es beginnt eine Geschichte der Freundschaft und Solidarität. Rey ist die erste, voll subjektivierte weibliche Hauptfigur in einem Star Wars Film. Und viele Fans toben. Feminismus hätte Star Wars zerstört, so heißt es bei den Trollen.  Nun tauchte auf Pirate Bay sogar eine alternative Version des ersten Teils auf. Ein "Männerrechtler" entfernte weibliche Heldinnentaten.
Die Skepsis gegenüber einer weiblichen Protagonistin ging so weit, dass die Spielzeugindustrie in der offiziellen Serie auf eine Actionfigur von Rey verzichtete. Man sei besorgt gewesen, Jungs würden nicht mit einer weiblichen Figur spielen wollen. Ein Shitstorm später wurde der Fehler wieder gut gemacht

Nach sechs Filmen männlicher Protagonisten erlaubte man sich nun also eine weibliche Hauptfigur. Vielleicht hätte es weniger Ärger gegeben, hätte die Produktionsfirma sie nicht auch noch mit vielen weiteren handlungstragender weiblichen Figuren umgeben. Verdirbt dieser ganze Quotenmist jetzt auch noch unser Freizeitvergnügen? Sollte man nicht daran denken, was zur Story passt? Ja, klar. Genau das ist passiert. Die weibliche Färbung der neuen drei Star Wars Filme passt nämlich zum gesamten Bogen aller neun Star Wars Filme. Jede Trilogie folgt einem Muster, der sich in den folgenden drei Episoden wiederholt. Ein Mann, der zu Höherem berufen ist, ringt mit seinen inneren Konflikten. Männliche Emotionen werden dabei als Gefahr wahrgenommen. Der Auserwählte hat zwei Optionen. Die erste: den Impulsen nachzugeben und zu einer Art interstellarem Hitler zu werden (ein Sith). Die zweite:  sich vom Gefühlsleben abzutrennen und eine Art galaktischen Buddha zu mimen (ein Jedi). Männliche Emotion kann nur unterdrückt oder gewaltvoll ausagiert werden. Die Katastrophe scheint unabwendbar. Eine Lösung ist nicht in Sicht. 

Und dann kam Disney

Alle führenden Männerfiguren in den ersten beiden Trilogien sind gescheitert. An ihren inneren Konflikten, im Kampf mit den eigenen Emotionen, mit Ego und Erwartungen. Sie haben sich von ihren Familien entfremdet, vereinsamen, zeigen asoziales Verhalten (Luke, Solo) oder richten Unheil und Zerstörung an (Vader, Ren). Sie setzen mit Impulsivität und Hauruck-Aktionen alles auf's Spiel. Solo oder Poe sind zwar überaus sympathische Figuren, aber immer noch die klassischen Lebemänner. Sie spielen den Helden und gefährden in ihren Alleingängen mitunter mehr, als sie helfen. Poe missachtet Leias Befehl. Er erledigt zwar den Auftrag, hat aber dafür eine ganze Flotte geopfert, die sie noch dringend gebraucht hätten. Han ist immer noch der coole Space-Cowboy, zu Frau und Kindern hat er aber keinen Kontakt mehr. Er wird schließlich von seinem eigenen Sohn getötet. 
Ines Kappert hat in ihrem Buch "Der Mann in der Krise" gezeigt, wie der immer wiederkehrende Krisendiskurs bislang keine Lösung zuließ. Die alte Männlichkeit scheint dysfunktional, eine neue nicht gefunden. Filme wie Fightclub oder American Beauty zeigen stets nur die Optionen Rückkehr oder Zerstörung. Oft führt genau diese Regression zur Katastrophe, wie wir gegenwärtig in der Politik längst nicht nur in Österreich sehen können. 

Plädoyer für Männer

Wie passt die Dominanz Führungsfiguren also in die Story? Sie passt, weil die Helden schlichtweg draufgegangen sind. Durch Übermut, Zorn, impulsive Aktionen. Die Frauen versuchen nun, die übrigen Männer dazu zu bringen, ihren Horizont zu erweitern. Finn geht seinen Weg von der feindlichen Tötungsmaschine zum loyalen Freund - einer Frau wohlgemerkt. Poe wird vom übermutigen Haudegen zu einem Teamplayer, der auch weibliche Führung akzeptieren kann. So leben sie alle ein Stückchen länger und können auch der Gemeinschaft besser helfen. Ein Zusammenhalt, der am Ende vielleicht die Rettung sein könnte.  

Die neuen drei Episoden zeigen die letzte Hoffnung der guten Seite der Macht, nachdem sie in den vorigen sechs Teilen immer schwächer wurde. Rey ist die letzte Hoffnung. Unzählige Teenager und Star Wars Fans werden nun mit Action-Filmen aufwachsen, in denen starke, unabhängige Frauen ein Stückchen mehr zur Normalität geworden sind. Das Avantgardistische aber steckt in dem Plädoyer für Männer. Für eine neue, positive, soziale Männlichkeit. Eine Caring Masculinity. Und damit für eine demokratischere Gesellschaft.

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