Prince & Princess: Janelle Monáe als die Queen des queer-feministischen Pop

Prince & Princess: Janelle Monáe als die Queen des queer-feministischen Pop

Feministischer Zwischenruf

Pop als Politik, um Rassismus und Rechtspopulismus etwas entgegenzusetzen. Ein feministischer Zwischenruf.

Janelle Monáe die musikalische Queen des AfrofuturismusJanelle Monáe die musikalische Queen des Afrofuturismus – Urheber/in: King County Parks Your Big Backyard. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Prince wäre im Juni 60 Jahre alt geworden. Dieser kleine drahtige Kerl, der die Gitarre und über 23 andere Instrumente virtuos beherrschte und der auch die Plattenfirmen entgegen ihrem Versuch, ihn zum ‚slave’ des Musikbusiness zu machen, fest in seinem Griff hatte, ist viel zu früh gestorben. Zum Glück hat er uns mit seinem Sinn für den coolen Groove noch ein Geschenk gemacht: Janelle Monáes neues Album Dirty Computer. Nicht das Janelle Monáe auf Prince angewiesen wäre. Sie hatte schon The ArchAndroid (2010) und The Electric Lady (2013) zwei fantastische Alben vorgelegt. Und dennoch – immer begleitet von dem Frotzeln der Musikkritiker*innen, die Monáes Musik als zu konzeptionell und verkopft darstellen – hat sie sich nicht recht aus dem Schatten von Beyoncé und Rihanna herausarbeiten können. Princé, indem er mit ihr auf Tour ging und ihr letztes Album mit Ideen anreicherte, hatte vielleicht die Zukunftsfähigkeit Monáes gespürt. Musikalisch, queer-feministisch und antirassistisch.

Katrin Köppert ist Queer-Medien-Affekt-Theoretikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der UdK Berlin. Zuvor lehrte sie an der Kunstuniversität Linz. Studium der Gender Studies und Neueren deutschen Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin.

So lässt sich „Make Me Feel“ – die erste Auskopplung – nicht nur als musikalische Wiederauferstehung von Princes „Kiss“ verstehen. Der bouncy funk des Songs und Songzeilen wie „It's like I'm powerful with a little bit of tender / An emotional, sexual bender“ spielen auf die Politik des gender bending an und weisen heteronormative Sexualität souverän zurück. Der Song wurde vor allem als Monáes Coming Out als bisexuell aufgenommen, aber das übersieht, wie konsequent Monae auf klang- und bildästhetischer Ebene die Zweigeschlechtlichkeit hintertreibt. Indem Klänge des „rubbery funk“ mit poppigen Bildern pastellfarbener Gummileggins verbunden werden, entsteht der Eindruck des Biegsamen und Beweglichen – die Auflösung der starren Geschlechterordnung artikuliert sich also durch die Elastizität des Klangs und des Bilds.

Ich weiß ja nicht, wie es euch so geht. Aber ich kann bei dem Song nicht sitzen bleiben. Mich reißt es automatisch auf die Tanzfläche und sei es nur die meiner eigenen Wohnung. Der Song ‚macht mich fühlen’, lässt mich körperlich werden. Er versetzt mich in Bewegung und schafft, dass ich mich, selbst wenn ich allein tanze, als Teil von Welt und mit anderen verbunden fühlen kann. Er katapultiert mich auf alle Tanzflächen dieser Welt, angefüllt von anderen hüpfenden, schwitzenden Körpern.

Vom Schweiß tanzender Körper in der Disko sprach erst kürzlich Kara Keeling. Keelings Vortrag „I Feel Love“: Race, Gender, Technē, and the (Im)Proper Sonic Habitus“ auf dem Symposium un/sounding gender erschloss sich mir durch Janelle Monáes mich zum Tanzen animierender Sound. Eigentlich auf Donna Summers Song „I Feel Love“ aus dem Jahr 1977 bezogen, verfolgte Keeling die sich auf Nina Sun Eidsheims Buch Sensing Sound stützende These, dass das sensorische Spektrum von Musik, die Vibration, das ist, was uns verführt, mit anderen in Relation zu gehen und zwar über unsere eigene Subjektpositionierung hinaus und in immer wieder neuen und somit nicht zu verstetigenden Konstellationen. Von daher seien diese Vibrationen nicht nur queer in einem Sinne der Pluralisierung, sondern der Dynamik neuer Verbindungen.

Keelings Worte verstand ich durch die Wirkkraft des Songs „Make Me Feel“ von Janelle Monáe. Ich verstand, weswegen mich der Song körperlich ergreift und mich beweglich sein lässt – in Bezug auf meinen Körper, meine eigene Identität. Die spürbare und sich in Vibrationen übertragende Spannung des mit Elaste angefüllten Musikvideo und des ‚gummrigen Funk’ entlädt sich in eine Bewegung, die mich gegenüber Welt in all ihren Differenzen öffnet.

Das mag sich verbrämt anhören oder wie neoliberales Pluralismus-Optimismus-Geschwafel klingen. Doch denke ich, dass wir als Queer-Feminist*innen in Zeiten einer massiv sich reinstallierenden weißen Suprematie-Bourgeoisie gar nicht oft genug die antirassistische und queer-feministische Bedeutung von Pop würdigen können. Ja, obwohl Pop kommerziell ist. Sich darüber aber noch aufzuregen, verfehlt, dass Pop – wie Diedrich Diederichsen es schon 1993 thematisierte – durch den inkonsumerablen Widerspruch konstituiert ist, der sich aus dem Spannungsfeld ergibt, immer Subversion und Kommerz zugleich zu sein.

Wir sollten Janelle Monáe daher als Queen des avantgardistischen, queer-feministischen Antirassismus feiern! Zumal Monáe das Business nutzt, um ihren mit Rassismus im Zusammenhang stehenden Arbeiterhintergrund zu thematisieren. Der Mythos einer weißen Arbeiterklasse, der als Begründungsmuster für den Rechtsruck herhalten musste, zerrinnt, wenn sie im Song „Django Jane“ singt: „Momma was a G, she was cleanin' hotels / Poppa was a driver, I was workin' retail / Kept us in the back of the store / We ain't hidden no more, moonlit nigga, lit nigga.“

Dass vor allem Schwarze Menschen von Armut betroffen sind, diese aber nicht Trump oder Seehofer wählen, konterkariert die oft geäußerte Meinung „arm wählt rechts“. Zugleich sagt Monáe, dass Schwarze Menschen, die sich aller Anfeindungen zum Trotz sichtbar machen, die Macht haben, den nächsten Wahlausgang zu beeinflussen. Alexandria Octoasio-Cortez ist dafür ein wunderbares Beispiel. Von daher nehme ich Gabriele Dietzes Überlegungen aus ihrem Vortrag „Rechte Töne. Wenn populistischer Frauenpop die Antwort ist, was war die Frage?“ auf. Ihrer Ansicht nach ist es Strategie der Identitären Bewegung, den vorpolitischen Bereich mittels Popmusik zu erobern, das heißt abseits von Parteipolitik zu versuchen, ‚Stimmung zu machen’. Es ist also höchste Zeit, diesen vorpolitischen Raum ernst zu nehmen und sich den Potentialen, die im Pop für eine dezidiert antirassistische und queere Zukunft schlummern, zuzuwenden. Janelle Monáe ist definitiv ein Anfang.

 

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