Auch Ali B. war ein Mann

Auch Ali B. war ein Mann

Feministischer Zwischenruf

Nach dem Mord an Susanna diskutiert Deutschland, wie man Frauen schützen kann. Dabei liegt die Lösung längst auf dem Tisch. 

beine eines mannesUrheber/in: Redd Angelo. Public Domain.

Von "einem Mord, der etwas ändern muss" schrieb DIE ZEIT auf ihrer letzten Titelseite. Und geändert hat der Mord an der 14-jährigen Susanna wirklich etwas: Kaum ein Fall wurde so skrupellos und leider auch erfolgreich rassistisch instrumentalisiert wie die Tötung der 14jährigen Susanna. Über das ganze politische Spektrum hinweg diskutieren Politiker*innen und Öffentlichkeit, wie man Frauen und Mädchen besser schützen kann: Konsequentere Abschiebungen? Schnellere Ausweisungen? Selbst renommierte Wissenschaftlerinnen wie die Ethnologin Susanne Schröter warnen vor der "neuen Situationen" aufgrund der "vielen jungen Männern aus patriarchalischen Strukturen". Und selbst als linksliberal geltende Wochenzeitungen nutzen den tragischen Fall zur Stimmungsmache, wie man es bisher nur von Rechtspopulisten und Boulevardblättern kannte.

Migranten werden häufiger kriminell

Daran ist nicht alles falsch. Auch wenn die Kriminalitätsrate in der Bundesrepublik seit Jahren sinkt, haben Gewaltdelikte tatsächlich zugenommen. Schuld daran, sind zum allergrößten Teil Migranten. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die es Anfang des Jahres in so ziemlich alle Medien schaffte. Am Beispiel von Niedersachsen zeigten die Kriminologen Dirk Baier, Christian Pfeiffer und Sören Kliem, dass Gewaltkriminalität in den Jahren 2014 bis 2016 um zehn Prozent gestiegen sei. Verantwortlich für die Zunahme: fast ausschließlich geflüchtete Menschen. 

Fabian Goldmann ist freier Journalist, Politik- und Islamwissenschaftler. Seine Themenschwerpunkte sind u.a. Islamophobie und die Kritik an patriarchalen Männlichkeiten.

Schon damals waren die Schlussfolgerung vieler Kommentatoren einhellig: Wenn mehr Migranten zu mehr Gewalt führt, dann ist klar, was man für weniger Gewalt tun muss.  Doch so logisch dies auch klingt, bei genauer Betrachtung der Zahlen fällt auf, dass am vermeintlichen Zusammenhang "Migration" und "Gewalt" etwas nicht stimmt. Denn auch unter Geflüchteten ist die Gewaltaffinität sehr ungleich verteilt. Marokkaner, Algerier und Tunesier machten in Niedersachen zwar nur 0,9 Prozent der registrierten Geflüchteten aus, stellten aber 17,1 Prozent der Tatverdächtigen.

Wenn wirklich allein Gründe wie "Machokultur", "patriarchale Gesellschaftsverhältnisse" in der Heimat oder schlicht "der Islam" verantwortlich ist für die höhere Kriminalitätsneigung von Menschen mit keiner oder nur begrenzter Aufenthaltserlaubnis, warum trifft dies nicht auf  Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan zu?

Entscheidend ist nicht woher sie kommen, sondern wie sie ankommen

Schon damals wiesen die Studienmacher darauf hin, dass weniger die Herkunft als die Art der Ankunft über die Gewaltaffinität bestimme. Statt noch mehr Ausgrenzung, forderten sie mehr Integration, um das Problem zu lösen. Es ist das gleiche Ergebnis, zu dem zwei Jahre zuvor der Kriminologe Christian Walburg kam. Im Auftrag des Mediendienstes Integration wertete er Polizeistatistiken, Studien und Umfragen aus. [https://mediendienst-integration.de/fileadmin/Dateien/Gutachten_Walburg_.... Sein Ergebnis: Ob Menschen mehr oder weniger Straftaten begehen, entscheidet sich nicht an ihrem Aufenthaltsstatus, sondern an ihrer Aussicht auf gesellschaftliche Teilhabe.

Geflüchtete begehen mehr Straftaten - aber nur dann, wenn sie über eine „geringe Bleibeperspektive“ verfügen. Nicht Geflüchtete pauschal sind häufiger gewalttätig, sondern nur  jene jungen Männer, die keine Aussicht auf eine Anerkennung als Flüchtling oder einen Asylstatus haben. Geflüchtete Menschen mit „günstiger Bleibeperspektive, Zugang zu Integrationskursen, zu Bildungsangeboten und Aussicht auf Zugang zum Arbeitsmarkt“ hingegen begehen laut Walburg sogar weniger Straftaten begehen als der deutsche Durchschnitt.

Die meisten Opfer hätten weder liberalere noch schärfere Migrationsgesetze retten können

Hätten bessere Integrationskurse und eine schnellere Bearbeitung von Ali B.s Asylantrag Susanna also das Leben retten können? Vielleicht. Viele andere Frauen und Mädchen aber sicherlich nicht. Denn in den Statistiken über gewalttätige Geflüchtete, macht sich noch ein signifikantes Tätermerkmal bemerkbar. Eines, das weder etwas mit "Herkunft", noch mit "Bleibeperspektive" zu tun hat: Geflüchtete tauchen auch deshalb häufiger in der Polizeistatistik auf, weil sie überdurchschnittlich oft männlich sind. Die mit Abstand größte Tätergruppe bei Vergewaltigungen und Tötungsdelikten sind Männer - ob migriert, oder nicht.  Die meisten anderen Opfer hätten also weder liberalere noch schärfere Migrationsgesetze retten können. Das zeigt ein Blick auf jene Tötungsdelikte, die es seit dem Mord an Susanne nicht in die Schlagzeilen schafften. Eine kleine Auswahl:

In Rösrath bei Köln tötet ein 89-Jähriger im Streit seine 88-jährige Ehefrau +++ In Hamburg ermordet ein 61-Jähriger im Alkoholrausch seine Lebensgefährtin +++ In Saarbrücken zertrümmert ein 40-Jähriger mit einer Axt den Schädel seiner Lebensgefährtin. Die fünf gemeinsamen Kinder im Alter von 3 bis 17 Jahren lässt er danach allein mit der Leiche ihrer Mutter +++ In Nürnberg ersticht ein 47-Jähriger seine 69-Jährige Mutter +++ Im Beisein der acht- und zwölfjährigen Söhne tötet in Winsen ein Mann seine Ex-Frau. +++ In Hagen nimmt das SEK einen 25-Jährigen fest. Er hatte seine Partnerin in den Hinterkopf geschossen.

Was diese Fälle vom Mord an Susanna unterscheidet: Keiner der mutmaßlichen Täter stammte aus dem Ausland. Sie alle waren Deutsche.  Was den Mord an Susanna mit der Mehrzahl aller Morde in Deutschland eint: die Täter waren Männer. Durchschnittlich 22 Fälle von Vergewaltigungen und/oder sexuelle Nötigungen wurden im vergangenen Jahr pro Tag angezeigt. Bei 93 Prozent der Verdächtigten handelte es sich um Männer. Über 2.400 (versuchte) Tötungsdelikte zählte die Polizeiliche Kriminalstatistik 2017. 83 Prozent der mutmaßlichen Täter waren männlich. 

Wenn wir nach einer Handvoll Migrantenmorden über den Zusammenhang von Herkunft und Gewalt diskutieren, sollten wir das nach tausenden Männermorden nicht auch über den Zusammenhang von Gewalt und Männlichkeit tun? Ja, denn die Antwort wäre dieselbe: Es stimmt, patriarchalische Gesellschaftsverhältnisse führen zu Gewalt - überall auf der Welt. Seit Jahren weisen Kriminolog*innen, Psycholog*innen und viele andere darauf hin, dass das Gefühl verletzter Männlichkeit im Zusammenhang mit aggressiven Männlichkeitserwartungen zu den wichtigsten Motiven gehört, wenn Männer Frauen vergewaltigen oder ermorden. Wir sollten ihnen zuhören - nicht nur wenn der Täter Ali heißt.

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