Über Angst reden, von Rassismus nicht schweigen

Über Angst reden, von Rassismus nicht schweigen

Feministischer Zwischenruf

Die Philosophin und Publizistin Isolde Charim fragt, wie man über Probleme mit der Migration reden kann. "Die Gesellschaft braucht eine Talking Cure" fordert sie. Ein feministischer Zwischenruf.

Fear als LichtinstallationAngst scheint der derzeitige politische Motor zu sein. – Urheber/in: dryhead. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Neulich machte sich Philosophin und Publizistin Isolde Charim in der taz Gedanken darüber, wie man über Probleme mit der Migration reden kann. "Die Gesellschaft braucht eine Talking Cure" fordert sie.  Das Reden über den Fall Susanna F., den fünften Mord an einer Frau, die der Mehrheitsgesellschaft zugeordnet wurde durch einen Geflüchteten, ist ein Beispiel dafür, dass uns das im Moment kaum noch gelingt. Im Gegenteil: Seit die AfD den Ton vorgibt, wird der Ton schriller.

Auch ernsthafte Zeitungen geraten mal wieder aus dem Tritt: Die Süddeutsche Zeitung mahnte zwar im Kommentar zu äußerster Zurückhaltung, druckte aber zugleich ein Foto des Tatverdächtigen ab und nannte seinen vollen Namen - entgegen dem deutschen Pressekodex. Und "Die Zeit" erschien mit blutrotem Titelbild und der Schlagzeile: "Ein Mord, der etwas ändern muss". Ein Satz, den die AfD nicht besser hätte formulieren können. Dabei stellte sich bei der Lektüre des zugehörigen, gründlich recherchierten Textes heraus, dass vor allem die Überforderung der Behörden gemeint war. Eine seltsame Mischung.

Aus lauter Furcht davor, "die Sorgen der Menschen" nicht ernst zu nehmen und sie damit den Rechten zu überlassen, wurde auch in den Fernseh-Talkshows ein ums andere Mal wahlweise der Islam oder die "Flüchtlingskrise" problematisiert. Sie schürten damit nur Rassismus und sollten am besten die Klappe eine Weile lang ganz halten, herrschte schließlich Olaf Zimmermann, Präsident des Kulturrats, sie an.

Die Rassismuskeule

Ethnologin Susanne Schröter vom Forschungszentrum Globaler Islam, kritisierte kurz darauf in der FAZ, dass man Geschlechterbilder aus patriarchal-islamistisch geprägten Ländern nicht problematisieren könne, ohne sofort einen heftigen Schlag mit der Rassismuskeule verpasst zu bekommen. Große Empörung. Aufschaukeln. Gesprächsabbrüche. Neulich gab es im Berliner Kulturradio eine kontroverse Debatte unter drei Wissenschaftler*innen zum Thema "Fakt und Vorurteil. Die Debatte um den muslimischen Mann". Ist der Diskurs um den muslimischen Mann rassistisch?, war eine der kontrovers diskutierten Kernfragen. Alle drei erzählten davon, wie sie für ihre Positionen beschimpft, bedroht und beleidigt werden. Alle drei. Nach dem Gespräch twitterte eine andere Wissenschaftlerin dann übrigens als erstes, die ganze Themenwahl sei rassistisch gewesen.

Feminist*innen kennen den Streit zur Genüge. Problematische religiös legitimierte Männlichkeitsnormen und Frauenbilder in einigen muslimisch geprägten Herkunftsländern von Geflüchteten werden auch in einem Strang des feministischen Diskurses zu "frauenfeindlichem Islam" kurzgeschlossen und mit Straftaten verknüpft, die Geflüchtete begehen. Aus dem Bündel von Ursachen, die zu Straftaten führen, sucht man sich die kommodeste heraus und übersieht großzügig, dass die soziale Situation der Täter unter Umständen einen sehr viel entscheidenderen Beitrag zu ihrer kriminellen Energie leistet, als das, was der Imam in der Moschee des Herkunftsdorfes seinen Gläubigen vorbetet. Das ist die eine Seite.

Als fände #MeToo in einem Paralleluniversum statt

Die andere ist, dass es Zuwanderer mit einem problematischen Frauenbild gibt. Der passende Hinweis darauf, dass es auch viele Einheimische mit problematischem Frauenbild gibt, unter dem Hashtag "#ausnahmslos" auf Twitter versammelt, ist zwar richtig, kommt aber oft gar nicht an. Als fände die #MeToo-Debatte in einem Paralleluniversum statt. Im Gegenteil, er wird oft als völlig unpassend zurückgewiesen. Das liegt daran, dass die hiesige Gesellschaft an ihr eigenes problematisches Frauenbild vollständig gewöhnt ist - und an das der Neuzugänge eben nicht. Und letzteres deshalb als das viel größere Problem empfindet.

Man kann immer wieder erklären, wie viele Morde aus männlichem Anspruchs- und Besitzdenken bei hier verwurzelten Paaren vorkommen. Sie werden unter "Familiendrama" abgeheftet im großen Hefter der Gewohnheit. Die der "anderen" führen zu Angst, zu Schlagzeilen mit Schlagseite, zu stirnrunzelnden Talkshows über kriminelle Flüchtlinge und Grenzen der Toleranz.

Angst ernstnehmen, ohne ihr zu folgen

Wie kann eine "Talking Cure" in dieser Gemengelage aussehen? Der Ansatz, den Isolde Charim ins Spiel bringt, ist so interessant, weil eine Psychotherapie Ängste ernst nimmt - aber ihnen eben nicht folgt. Im Gegenteil, sie werden mit der Realität konfrontiert, bearbeitet, möglichst aufgelöst. Übertragen hieße das: Die Talkshow sollte Ängste thematisieren anstatt so zu tun, als wäre ihr Ausdruck ein rationales Argument wie jedes andere auch. Das bedeutet, dass man sie ansieht, sorgfältig prüft, was daran wirklich Fakt ist und was Vorurteil. Und auch, was man tun kann, damit Menschen sich sicherer fühlen - aber eben ohne dass man anderen, in diesem Fall Geflüchteten, dabei die Menschenrechte kappt. Rassismus tut das. Er nimmt Menschen ihre Rechte. Diese Spielregel muss klar sein. Der Angst folgen, indem man überlegt, wie man das Angstmachende am schnellsten aus den Augen schafft, das ist keine Therapie. Therapie konfrontiert.

Was Therapeut*innen dagegen nicht tun, ist, ihren Klient*innen vor den Latz zu knallen, dass sie Rassist*innen sind und am besten die Klappe halten sollten. Lieber linker Diskurs, wenn ich mir was wünschen darf, dann das: Dass Du Dich mehr als Therapeut*in verstehst denn als moralische keulenschwingende Großmacht. Keulen machen mehr Angst, nicht weniger.

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