Vorwort und Einleitung

Vorwort und Einleitung

„A truly intersectional feminism can reach everyone on the planet", davon ist K. Crenshaw überzeugt. In der Publikation erzählen Aktivist*innen, Künstler*innen und Forscher*innen warum und vor allem wie Crenshaw sie bis heute inspiriert.

„A truly intersectional feminism can reach everyone on the planet“. Diesen Satz sagte Kimberlé Crenshaw bei einer Diskussion in Washington DC im Januar 2017. Erst wenn die Rechte und Interessen der strukturell am stärksten marginalisierten Menschen durchgesetzt werden, so ihre Überzeugung, erreicht Feminismus alle Menschen auf der Welt. Das ist der Kern eines intersektionalen Ansatzes: nicht an der Oberfläche zu bleiben, sondern soziale Ungerechtigkeiten in ihrer Tiefe anzugehen.

Auf der Suche nach einem Titel für diese kleine Sammlung von Texten von und für Kimberlé Crenshaw waren sich das Center for Intersectional Justice (CIJ) und das Gunda-Werner-Institut sofort einig. Das ist es, worum es geht: Wir möchten die Norm verabschieden, die weiße Menschen ohne Behinderung als Standard hochhält und People of Color, queere und trans-Menschen herabwürdigt. Nur so, denken wir, können wir etwas beisteuern zum großen Projekt einer globalen Gerechtigkeit, die tatsächlich alle in ihren verschiedenen Lebenswirklichkeiten einbezieht und versucht, das Patriarchat, den Kapitalismus und den Rassismus als die zentralen miteinander verwobenen Herrschaftssysteme zu überwinden. Was also liegt näher, von einem Konzept auszugehen, das das Zusammenwirken unterschiedlicher Diskriminierungsweisen mit einer neuen Sprache deutlich und Menschen in ihrer Vielfalt und in ihren politischen Kämpfen sichtbar macht und empowert? Intersektionalität ist mehr als ein theoretisches Konzept. Es handelt sich um ein politisches Projekt.

Reach Everyone on the Planet. Kimberlé Crenshaw und die Intersektionalität ist der zweite Band in der Reihe, die das GWI zur Würdigung herausragender feministischer Persönlichkeiten stets gemeinsam mit Partner*innen herausgibt. Der erste Band mit dem Titel Die Freundschaft zur Welt nicht verlieren war Christina Thürmer-Rohr gewidmet, die als erste offen lesbische und alleinerziehende Professorin in West-Berlin in den frühen 1980ern das Konzept der Mittäterschaft prägte. Der Band entstand in Zusammenarbeit mit Professor Sabine Hark.

2019 ist es nun dreißig Jahre her, dass die US-amerikanische Professorin für Rechtswissenschaften, Kimberlé Crenshaw, den bahnbrechenden Text „Demarginalizing the Intersection of Race and Sex“ veröffentlichte. Bis heute gilt er als Gründungstext des von ihr geprägten Konzepts der Intersektionalität. Crenshaw kritisiert hier das US-amerikanische Antidiskriminierungsrecht, indem sie die richterlichen Begründungen in drei Fällen auseinandernimmt. Jeweils wurden Klagen von afro-amerikanischen Frauen zurückgewiesen, aufgrund ihres Status als Schwarz und Frau diskriminiert worden zu sein. Die Abweisung der Klagen stützte sich dabei auf die groteske Behauptung, die Anerkennung von Mehrfachdiskriminierungen würde zu einer Übervorteilung der betroffenen Frauen führen. Als ob miteinander verwobene Herabwürdigungen einander in ihrer toxischen Wirkung aufheben könnten!

„To reach everyone on the planet... “ – sicher, diese Vision ist riesig, und wir sind es nicht. Umso wichtiger war es uns als Herausgeber*innen, intersektional arbeitende Aktivist*innen, Akademiker*innen und Künstler*innen aus ganz Europa einzuladen, damit sie schlaglichtartig erzählen, wie eine Begegnung mit Kimberlé Crenshaw beziehungsweise das von ihr geprägte Konzept der Intersektionalität – die intersektionale Linse, wie Crenshaw selbst sagt – sie in ihrer Arbeit und ihrem Denken inspiriert und bestärkt hat, und was sie damit bis heute anfangen. Vielen, vielen Dank, dass Ihr mitgemacht habt! Dank Euch wird sichtbar, wie lebendig das Konzept der Intersektionalität ist, wie es sich auch in Europa und Deutschland weiterentwickelt und neue Facetten erhält – ohne dabei seine ursprüngliche Intention einzubüßen: das Empowerment von Schwarzen Frauen* und die Unterstützung ihrer politischen Kämpfe. Auf dem Weg von den USA nach Europa hat Intersektionalität einen Prozess der Depolitisierung und des Whitening durchgemacht. Mit diesem Band hoffen wir, der subversiven Essenz des Konzepts gerecht zu werden und stützen uns auf rassismuskritische Analysen, die in Europa noch allzu oft delegitimiert werden.

Wir bedanken uns von Herzen auch bei unseren Kolleg*innen Peggy Piesche, Miriam Aced und Hannah Lichtenthäler, ohne die dieser Band niemals fertig geworden wäre!

Last but not least, geht unser Dank einmal mehr an Kimberlé Crenshaw, die uns die Fotos in diesem Band zur Verfügung gestellt hat und damit auch auf diese eher persönliche Weise Einblicke in ihre Arbeit gibt. Wir sind glücklich, uns auf Sie und Dich als herausragende feministische Persönlichkeit beziehen zu dürfen, und freuen uns, gemeinsam in Berlin das 30-jährige Jubiläum der Intersektionalität mit der Zweiten Feministischen Gala in der Heinrich-Böll-Stiftung zu feiern.

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