Frauen in der politischen Rechten: Anti-Feministinnen, Mütter, Kämpferinnen

Eine häufig gestellte Frage, wenn es um das Thema politisch rechtsstehende Frauen geht, ist, ob diese Frauen Feministinnen sind. Bevor ich versuche, diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die hinter dieser Frage stehendenden Mutmaßungen.

greek flag in black and white

Eine häufig gestellte Frage, wenn es um das Thema politisch rechtsstehende Frauen geht ist, ob diese Frauen Feministinnen sind. Bevor ich versuche, diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die hinter dieser Frage stehendenden Mutmaßungen. Hierin zeigen sich nämlich Stereotype bzw. politische Befürchtungen, – durchaus verbreitet im hier vorgestellten Fall Griechenlands – die davon ausgehen, dass eine Frau, die sich politisch engagiert und eine politische Meinung hat, aller Wahrscheinlichkeit nach eine Frau sein müsse, die Gleichstellung und Frauenrechte verteidigt – eine Feministin also. Aber wie steht es um politisch rechtsstehende Frauen? Wie denken sie über Feminismus? Sind sie Feministinnen? Welche Art der politischen Identität schwebt ihnen vor?

Im Folgenden werde ich mich auf drei Schlüsselkomponenten konzentrieren, die den Kern der öffentlichen Identität ausmachen, die von rechtsstehenden Frauen in Griechenland gelebt bzw. angestrebt wird. Zuvor jedoch ist es wichtig anzumerken, dass sich rechtsstehende Frauen in ihren Beweggründen und Aktivitäten in politischen Gruppen durchaus sehr unterscheiden [1]. Dabei werde ich mich auf Positionen und Bilder rechtsstehender Frauen fokussieren, die im öffentlichen Diskurs dominieren, also auf jene kollektive Identität, die sie konstruieren und für die sie auf der politischen Bühne eintreten. Wenn ich mich im Folgenden auf rechtsstehende Frauen beziehe, meine ich Frauen des breiteren rechtsextremen Spektrums, von der neuen alternativen Rechten bis hin zu Neonazis – obgleich radikale rechte Gesinnungen auch (und immer häufiger) in der politischen Mitte zu finden sind.

Anti-Feministinnen

Im Mai 2020 verbreitete sich das Video einer jungen Youtuberin der griechischen Alt-Right-Szene mit dem Titel Warum ich keine Feministin bin wie ein Lauffeuer und entfachte einen intensiven Online-Streit über die Notwendigkeit von Feminismus heute. Rechtsextreme Frauen positionieren sich in Griechenland wie auch anderswo klar gegen Feminismus, gegen feministische Argumente und Forderungen. Aber warum sind sie gegen Frauenrechte? Gegen ihre eigenen Rechte (wenn wir für einen Moment annehmen, dass Feminismus im engsten Sinne die Verteidigung von Frauenrechten meint)? Zwei Anmerkungen sind in diesem Zusammenhang wichtig: Erstens, obgleich sich rechtsstehende Frauen in ihren öffentlichen Äußerungen auf Rechte beziehen, interpretieren sie Rechte im Allgemeinen und Frauenrechte im Besonderen nicht so, wie es der Feminismus und schon gar nicht der moderne, intersektionale Feminismus tutn. Zweitens gibt es eigentlich keine feststehende Definition von Feminismus – Feminismus darf nicht als abstraktes Konzept jenseits seiner historischen und geopolitischen Verortung verstanden werden, sondern als Konzept, das untrennbar mit der Entwicklung derder feministischen (und auch anti-feministischen) Bewegung(en) verbunden ist. Die Historizität des Feminismus und die sich daraus ergebende Relativität, sowie die politischen und sozialen Antagonismen, die sich um die Definition der Bedeutung und des Inhalts von Feminismus streiten, dürfen somit nicht ignoriert werden.

Folglich sollte es niemanden überraschen, dass sich rechtsstehende Frauen jene historischen Momente oder Aspekte des Feminismus herausgreifen, die bequem für sie sind und zu anderen ideologischen Elementen der politischen Narrative und Orte passen, an denen sie teilhaben. Dadurch können sie für sich beanspruchen, eine alternative Frauenstimme zu sein oder gar den „richtigen“ Feminismus zu definieren, wobei sie die heutigen feministischen Forderungen, die „echten“ Bedürfnisse der modernen Menschen und sogar den „Willen“ der Frauen als völlig überzeichnet zurückweisen – zum Beispiel den Wunsch, Mutter zu werden, der in rechten Kreisen als feministisches Tabu dargestellt wird.

Bezeichnenderweise bezog sich Evgenia Christou, ehemalige Leiterin der Frauenfront der Goldenen Morgenröte [2], in einem Interview mit der griechischen nationalistischen Zeitung „Stohos“ 2014 auf verschiedene historische Momente der feministischen Bewegung, an denen man wegen rassistischer, klassistischer und sogar sexistischer Äußerungen Kritik üben kann, um die Fehlerhaftigkeit des Feminismus offenzulegen. Gleichzeitig schlug sie in diesem Interview ein Leitbild des Frauseins als Alternative zum Feminismus vor, das auf Muttersein basiert und beschrieb ihre eigenen Erfahrungen des Mutterwerdens als ultimative persönliche Erfüllung - ihren Worten nach unvergleichbar mit allen zuvor erzielten Errungenschaften und im Widerspruch zur allgemeinen feministischen Geisteshaltung. Neben einer solchen totalen Ablehnung des Feminismus gibt es auch das Argument, dass der Feminismus in der Vergangenheit möglicherweise für Frauenrechte gekämpft und sogar einiges erreicht habe, dass aber die feministische Kritik und die feministischen Forderungen heute keine Gültigkeit mehr hätten. Administratorinnen der getarnten ultra-nationalistischen Facebook-Seite „Ladyism“ haben zum Beispiel seit Beginn ihrer Aktivitäten in den sozialen Medien 2017 ganz klar gesagt, dass es der moderne Feminismus sei, dem sie sich widersetzten und, dass der Feminismus nach der ersten Welle – als er seinen Bezug zum femininen Wesen der Frau, zur „Weiblichkeit“, aufgab – seine Orientierung verloren habe.

Eine solche Argumentationsweise bietet rechtsextremen Frauen einen Rahmen, der das Recht auf Arbeit, Bildung oder politische Rechte nicht in Frage stellt (einige der Forderungen der ersten westlichen feministischen Bewegungen im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts). Diese Rechte gelten trotz Unzulänglichkeiten und andauernder Ungleichheiten längst als errungen und sozial etabliert. Außerdem haben sie damit einen Rahmen, um sich aktuellen feministischen Forderungen, die diese Rechte weiter vertiefen möchten, entgegenzustellen; um ihre Fehler zu korrigieren; um die Rechte durch Einbeziehung neuer Themen und sozialer Gruppen, die ausgeschlossen bleiben, zu erweitern; und um Themen von Sexualität, Klasse, Religion, ethnischer Zugehörigkeit, Alter und Ableness [3] zu adressieren. In Wirklichkeit sind rechtsstehende Frauen Frauenrechte heutzutage egal, sie machen sich nicht für sie stark. Ihr Diskurs verweist vielmehr auf die Förderung des Mutterseins und die Unterstützung von Müttern mit vielen Kinders oder auch auf das Recht der Frau auf Wehrdienst(pflicht). In ihren Augen gehen Frauenrechte mit den Rechten der „Nation“ und der „weißen Rasse“ einher – interessanterweise vorherrschende Spielarten und Narrative des Feminismus der ersten Welle, die, wie sie manchmal behaupten, häufig auf den Narrativen von Nation und Rasse basierten [4]. Verweise rechtsextremer Frauen auf Rechte sind oftmals rassistischer Natur und befördern Nationalismus, Heteronormativität und Geschlechtersegregation: Der ultimative Platz der Frau ist das Zuhause; der ultimative Platz des Mannes der öffentliche Raum. Rechtsextreme Frauen beanspruchen politischen Raum und sozialen Wandel; aber nicht zum Wohle ihres Geschlechts, sondern zum Wohle der nationalen/ethnischen Gemeinschaft, der sie sich ergeben fühlen. Ihr politischer Diskurs beschäftigt sich oftmals mit größeren „nationalen“ Themen und ist nicht notwendigerweise auf Geschlechterfragen beschränkt. Abgesehen davon, konstruieren sie eine weibliche Identität, die zwei grundlegende Elemente bevorzugt und die durch das vorherrschende griechische national(istisch)e Narrativ angeregt wird – zwei Elemente, die nichts mit Feminismus (wie von ihnen dargestellt) zu tun haben: Muttersein und Militanz.

Mütter (der Nation)

Rechtsstehende Frauen verherrlichen das Muttersein. Sie beziehen sich jedoch nicht auf die dokumentierten, tatsächlichen Bedürfnisse der Mütter im Land, sondern nur auf eine vage soziale „Anerkennung“ des Mutterseins sowie auf den Bedarf nach staatlicher Unterstützung von Frauen, die Kinder haben bzw. Kinder bekommen möchten. Ihre Vorschläge basieren nicht auf von Frauen geäußerten Bedürfnissen, sondern auf der Vision einer großen, mächtigen Nation, der (als solche akzeptierte) Frauen – Mütter oder potenzielle Mütter – zu dienen haben. Insbesondere in der Goldenen Morgenröte – die durch die Strategien des deutschen Nationalsozialismus und griechischen Zwischenkriegsfaschismus in Bezug auf die Politisierung und Teilhabe von Frauen und Müttern an der Bewegung inspiriert wurde – machen Frauen oftmals als Mütter mobil bzw. werden aufgerufen, als solche mobil zu machen. Politische Zugehörigkeiten bleiben normalerweise jedoch unter dem Deckmantel der „besorgten“ oder „empörten Bürgerinnen“ verborgen. Zur Zeit der Mobilmachung gegen Immigrant*innen in den armen Wohngegenden im Zentrum von Athen, beispielsweise in Agios Panteleimonas, die Anfang 2010 stattfand und von der Goldenen Morgenröte angeführt wurde, rief man Frauen auf, sich dem Kampf der Partei anzuschließen – nicht nur als Frauen, die sich auf den Straßen und Plätzen in der Stadt nicht mehr sicher fühlten, sondern auch als Mütter – um ihrer Kinder und ihrer Zukunft in Griechenland willen. Im September 2020, mitten in der Coronapandemie, führte eine ehemalige Kandidatin der Goldenen Morgenröte in Thessaloniki, der Hauptstadt Nordgriechenlands, als besorgte und unparteiische Mutter die Bewegung gegen das Tragen von Masken in Schulen an - „für die Gesundheit der Kinder.“ Die Beschwörung des Mutterseins kann jedoch durchaus widersprüchliche politische Folgen haben, die bisher noch nicht untersucht wurden. Einerseits kann sie zu einem freundlicheren Antlitz der extremen Rechten gegenüber Frauen und der breiteren Öffentlichkeit führen, insbesondere, wenn wir die Stärke des Wertes des Mutterseins in der griechischen Gesellschaft berücksichtigen. Andererseits sind die Lasten der reproduktiven und pflegerischen Arbeit, die viele Frauen als Mütter oder auch als Nicht-Mütter in ihren Familien tragen, so vielfältig, dass es für die extreme Rechte sicherlich nicht einfach ist, Frauen mit nur ein paar wenigen netten Worten der „Anerkennung“ abzuspeisen.

Kämpferinnen

Gleichzeitig lobt die Rechte Frauen als Kämpferinnen, als Verbündete der Männer im Krieg und in „nationalen Kämpfen.“ Man verehrt das Modell der Kämpferin und „Heldin der Nation“, jedoch nicht nur in ultra-nationalistischen Kreisen, sondern auch im größeren nationalen Narrativ. Von den vorzeitlichen Spartanerinnen, die als starke und kämpferische Mütter von Soldaten überliefert sind, über Kriegerinnen im griechischen Unabhängigkeitskrieg im 19. Jahrhundert bis hin zu Frauen, welche die griechische Armee beim Angriff des faschistischen Italiens 1940/41 im Pindosgebirge in Nordgriechenland unterstützten – Frauen spielen im griechischen Nationalmythos eine symbolische Rolle als heldenhafte Kämpferinnen. Griechische, rechtsstehende Frauen machen sich heutzutage diese historischen Figuren zu eigen, drücken damit Bewunderung aus oder portraitieren sich selbst als würdige Nachfolgerinnen einer nationalen Tradition, die darauf abzielt, dass Frauen stark und mutig sind und sich mit dem Einsatz von Waffen und Gewalt auskennen – einem Bereich, der normalerweise den Männern zugeschrieben wird.

Kommen wir noch einmal zum Beispiel der Goldenen Morgenröte zurück: Nicht nur Kriegerinnen aus der mythischen und tatsächlichen Vergangenheit werden als Vorbilder für die Gegenwart verherrlicht; auch weiblichen Parteimitgliedern wurde der Umgang mit Waffen beigebracht, wie Unterlagen von Strafverfahren gegen die Goldene Morgenröte belegen. Hochrangige Frauen, wie die ehemalige Parlamentarierin Eleni Zaroulia, haben sich häufig für einen Wehrdienst für Frauen in der griechischen Armee stark gemacht, wobei dabei immer betont wurde, dass die Aufgaben der Frauen sekundärer und unterstützender Natur sein sollten. Auch wenn das Bild der militanten, bewaffneten Frau dem konservativen Geschlechterrollenmodell, das in der extremen Rechten vorherrscht, widersprechen mag, scheint es, als würde es dennoch positiv bewertet werden, insbesondere seit der Intensivierung der Kriegsrhetorik und -stimmung wegen wachsender Migrationsfeindlichkeit und der angespannten Beziehungen mit den Nachbarländern Nordmazedonien und Türkei. Zudem kursieren seit kurzem Fotos armenischer Kämpferinnen in Nagorny-Karabach im Netz und finden großen Anklang in den griechischen rechtsextremen Medien – sowohl bei Frauen als auch bei Männern.

Schlussbemerkungen

Politisch rechtsstehende Frauen präsentieren sich in der Öffentlichkeit keinesfalls als Feministinnen – ein Begriff, der ohnedies überaus negative Konnotationen in Griechenland hat. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie ihre Identität ausschließlich negativ definieren und einfach nur Feminismus ablehnen. Im Gegenteil: Sie regen eine andere politische Identität für Frauen an, die neue (bzw. je nach Sichtweise alte) Antworten auf die Frage liefert, was eine Frau ist oder sein sollte. Damit verschieben sie den Diskurs über Weiblichkeit und Gender in eine konservativere, nationalistischere und rassistischere Richtung. Eine solche politische Identität basiert auf dem Glanz des nationalen kollektiven Narrativs, das Frauen als Mütter und gleichzeitig als Kriegerinnen für das Wohl, das Überleben und den Fortbestand der Nation ehrt. Das macht den rechtsextremen Diskurs der Öffentlichkeit vermutlich sehr viel zugänglicher als üblicherweise zugegeben wird.

 

[1] Christine Bolt (2004). Sisterhood Questioned? Race, class and internationalism in the American and British women’s movements, c. 1880s–1970s. Routledge

[2] Anmerkung der Redaktion: Unzureichende Übersetzung für „Ableness“ wäre „Nicht-Behinderung“ oder „Befähigung“. Mehr zur Bedeutung und Verwendung der Begriffe im deutschsprachigen Kontext siehe Elisabeth Magdlener, Über Körper, kulturelle Normierung und die Anforderung einer „Kultur für alle“ im Kontext von Dis_ability (https://www.p-art-icipate.net/ueber-koerper-kulturelle-normierung-und-die-anforderung-einer-kultur-fuer-alle-im-kontext-von-dis_ability/?pdf=7246 )

[3] Anmerkung der Redaktion: Das ist die neofaschistische und rechtsextreme Partei Chrysi Avgi, https://de.wikipedia.org/wiki/Chrysi_Avgi

[4] Kathleen Blee (2018). Understanding racist activism. Theory, Methods and Research. Routledge.