Antifeminismus, gewaltbereiter Rechtsextremismus und Geschlecht

Analyse

Rechtsterrorismus und rechtsextreme Gewalt sind zweifellos mit Geschlecht und bestimmten Männlichkeitsbildern, -ideologien und -praxen verknüpft. Das wird in der öffentlichen Wahrnehmung und in der Rechtsextremismusforschung aber viel zu oft übergangen. Diese Leerstelle ist ein Problem für die Rechtsextremismusprävention und für eine Gesellschaft, die für alle Menschen Sicherheit bieten soll. 

Geschlecht und Rechtsextremismus

Geschlechtsspezifische Unterschiede im Rechtsextremismus lassen sich weniger auf der Einstellungsebene finden, als vielmehr auf der Beteiligungs- und Handlungsebene. Dabei sind offensive, aggressive und gewaltbereite rechtsextremistische Einstellungs- und Orientierungsmuster männlich dominiert. Dies zeigt sich vor allem daran, dass der überwiegende Teil rechtsextremistischer Straf- und Gewalttaten von Männern begangen wird. In der Forschung wird dies vor allem mit hegemonialen Männlichkeitsvorstellungen, traditionellen Geschlechterrollen und vor allem mit gewaltlegitimierenden Männlichkeitsbildern in Zusammenhang gebracht (vgl. Schad 2009).

Gleichzeitig werden Gewalttaten von Männern öffentlich mehr wahrgenommen, was nicht ausschließlich an gewalttätigen Männern oder vermeintlich friedfertigen Frauen liegt, sondern auch an stereotypen Geschlechternarrativen in der Gesellschaft, geschlechterblinden Medien und Sicherheitsbehörden, Forschung und Präventionsarbeit, die gewaltvolles Handeln von Männern eher im Blick hat und Gewalttaten von Frauen häufig fehldeutet oder relativiert (vgl. AAS/ Spicker, Glaser, Jugenheimer 2018).

Formen extrem rechter Gewalt werden auch von Frauen geplant, unterstützt und umgesetzt, wie zuletzt der Fall von Susanne G. belegt. Die Heilpraktikerin ist in der Partei III. Weg aktiv und plante offenbar eine schwere rechtsextreme Straftat (vgl. Miller 2021). Und dennoch: rechtsextreme Gewalttäter sind überwiegend männlich (vgl. AK Fe.In 2019; Rahner 2020). So gab es beispielsweise in Berlin 2019 insgesamt 77 rechtsextrem motivierte Gewaltdelikte. Davon sind 66 männliche Tatverdächtige ermittelt worden. In den USA gab es seit 1982 insgesamt 114 Massenschießereien und Amoktaten – unterschiedlich politisch und/oder religiös motiviert. Bis auf vier gingen alle diese Fälle von Männern aus (vgl. Follman/Aronsen/Pan 2019).

Männlichkeit und Rechtsextremismus

Im Bereich des gewaltförmigen Rechtsextremismus kann festgehalten werden, dass männliche Überlegenheit, Gewaltaffinität und Geschlechterungleichheit wesentliche Strukturmerkmale im rechtsextremen Denken sind (vgl. Claus/Lehnert/Müller 2010). Im Zentrum rechtsextremer Ideologie steht im Grunde stets eine heroische, soldatische, wehrhafte und kämpferische weiße Männlichkeit. Diese rechtsextreme Männlichkeit ist nicht selten eingebettet in eine männliche Kampfgemeinschaft, wie beispielsweise eine Kameradschaft oder Wehrsportgruppe, deren höherer Orientierungspunkt eine als ethnisch homogen verstandene Volksgemeinschaft ist. 

 

Für die rechtsextreme Männlichkeit ist Abwehr, Abwertung und Hass auf alles „Unmännliche“ konstitutiv. Zu den abzuwertenden oder zu bekämpfenden Antagonisten dieser Männlichkeit gehört eine konstruierte, bestimmte Form von Weiblichkeit und bestimmte Frauen, wie beispielsweise Lesben, Politikerinnen oder “Karrierefrauen”. Der Hass drückt sich in rechtsextremen Ideologien wie Antifeminismus, Sexismus, Homo- und Trans*feindlichkeit und Misogynie aus. Frauen sind in diesem Weltbild in der Hierarchie immer dem Mann untergeordnet. Bestimmte Frauen werden darüber hinaus als Bedrohung ausgemacht oder für das eigene Scheitern verantwortlich gezeichnet: vor allem Frauen, die eine weiße männliche Dominanz und Herrschaft in Frage stellen. Gleichzeitig proklamieren Rechtsextreme den Schutz von traditionalisierten und „hilflosen“ weißen Frauen und Kindern, die – so die Erzählung – gegen „Angreifer von außen“ beschützt werden müssten.

Männlichkeiten, die außerhalb der eigenen als homogen konstruierten Gruppe verortet werden, wie etwa jüdische, muslimische, schwule Männlichkeit, werden ebenfalls entweder als „unmännlich“ herabgewürdigt oder als Bedrohung verstanden, da sie als Angriff auf die eigenen Privilegien, wie beispielsweise den uneingeschränkten Zugang zu Macht, gesellschaftlichen Ressourcen und auch zu Frauen, gedeutet werden. Dieser Hass drückt sich nicht zuletzt in rechtsextremen Ideologien wie Rassismus, Antisemitismus oder antimuslimischem Rassismus aus.

 

Eine an das männliche rechtsextreme Selbst adressierte und ständig eingeforderte Härte korreliert zudem mit der gleichzeitigen Abgrenzung und Abwertung der Schwäche „der Anderen”. Männlichkeit wird in der rechtsextremen Ideologie stark aufgewertet. Die eigene Überlegenheit wird über Nation, white supremacy und Geschlecht hergestellt. Damit werden Funktion und Attraktivität des Rechtsextremismus für weiße Männer als ein Identifikations- und Überlegenheitsangebot deutlich. Der Preis dafür ist allerdings, dass diese Männlichkeit sich im ständigen Konkurrenzkampf befindet. Untereinander, aber auch um gesellschaftliche Zugänge, Privilegien und Ressourcen, Territorien, Frauen oder Arbeitsplätze. Rechtsextreme Narrative, wie "Migranten nehmen unsere Arbeitsplätze oder unseren Frauen" weg spiegeln diese Ideologiefragmente wider.

Die Beschwörung dominanter, reaktionärer Männlichkeit und eine aggressive, potentiell gewaltsame Verteidigung schwindender patriarchaler Privilegien gehören zum geschlechtsspezifischen Moment des Rechtsextremismus. Gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, Minderheitenschutz und der Abbau patriarchaler Selbstverständlichkeiten werden vor allem im rechtsextremen Weltbild als Bedeutungsverlust und Kränkung des weißen Mannes verstanden. Das letzte Mittel, um die subjektive Kränkung und Ohnmachtserfahrung zu überwinden und wieder „Herr der Situation“ zu werden, ist Gewalt. Die gekränkte Männlichkeit ist dabei nicht als entpolitisiertes Moment zu verstehen, sondern ist dem autoritären, reaktionären und rechtsextremistischen Denken inhärent. 

Gewaltlegitimierender Ideologien-Mix aus Antifeminismus, Antisemitismus und Rassismus

Nicht alle Frauenhasser sind Rechtsextremisten. Und nicht alle Antisemiten Frauenhasser. Aber eine tiefsitzende Abscheu (bestimmten) Frauen gegenüber funktioniert wie ein verbindendes Gewebe zwischen White Supremacists, Alt-Right-Bewegten, Rechtsextremen oder ihren weniger bekannten Subkulturen wie Incels(1) , Männerrechtlern/Manosphere(2) und Pick-Up-Artists (PUAs)(3). Die Anti-Defamation-League (ADL), die sich gegen Diskriminierung von Juden und Jüdinnen einsetzt, beschreibt diese Intersektion von Frauenhass, Rassismus und anderen Ungleichwertigkeitsideologien (vgl. ADL’s Center on Extremism 2018).

Die Hierarchisierung und Abwertung von Frauen und “Weiblichkeit” unter Männer und “Männlichkeit” mischt sich insbesondere in aktuell populären Verschwörungsideologien mit Antisemitismus und Rassismus – dieses Gemisch ist eine treibende Kraft für Gewalt und Terrorismus. Deutlich wird die Gefährlichkeit vor allem bei der Verbreitung und der Virulenz eines verschwörungsideologischen Narrativs explizit rechtsextremen Ursprungs: der des „großen Austauschs“ bzw. der „Umvolkung“. Der französische Philosoph Renaud Camus war 2011 der erste, der die Erzählung des “großen Austauschs” in seinem Buch mit dem gleichnamigen Titel konstruierte. Seitdem hat sie viele Anhänger:innen in der rechtsextremen Szene gefunden.

Gemeint ist mit dieser Erzählung die Vorstellung eines geplanten oder sogar schon laufenden Austauschs der weißen Bevölkerung durch Migrant:innen. Dieser Austausch werde durch die sinkende Zahl an Geburten unter weißen Frauen und steigende Geburtenraten unter migrantischen Bevölkerungsgruppen sowie eine liberale Migrationspolitik organisiert. Schuld daran: der Feminismus, der Frauen einrede, lieber Karriere zu machen, statt Kinder zu bekommen, und “die Juden”, die dieses Geschehen lenken würden. Dieses Narrativ zeichnet damit das Bild einer Notwehr-Situation, in der Rechtsextreme sich angeblich befinden: Gegen die „Migrationswaffe“ und die, die sie führen, „die Juden“ aber auch gegen die „Agenten“, die dabei helfen. Damit geraten Vertreter:innen der demokratischen Zivilgesellschaft in den Fokus. Das Narrativ bietet viele potentielle Feinde und Angriffsziele, gegen die vorzugehen legitimiert wird.

 

Wenn Migrationsbewegungen als “Bevölkerungsaustausch” interpretiert werden und Gewalt als “Notwehr” und als “Widerstand” verharmlost und legitimiert wird, liegt eine konkrete, auch terroristische Gewaltausübung nicht fern. Insbesondere die Erzählung einer durch die Emanzipation der Frauen vermeintlich ausgelösten Schwächung von Männern, die deren Wehrhaftigkeit und damit die der gesamten Gesellschaft untergrabe, findet sich dementsprechend in den Selbstbegründungen rechtsterroristischer Attentäter, die nicht nur von Antisemitismus und Rassismus, sondern ebenso von Frauenhass gekennzeichnet sind. 

In den von den rechtsterroristischen Attentätern zur Tat verfassten und veröffentlichten „Manifesten“ lassen sich genderspezifische Aspekte extrahieren. So findet sich genau diese Ideologie des großen Austauschs in den Pamphleten der Attentäter von Halle und Christchurch: Der Feminismus sei Schuld an der niedrigen Geburtenrate im Westen und an „Massenmigration“, wovon wiederum Juden profitieren würden – diese Aussage spricht der Attentäter von Halle in seine Helmkamera, während er im Herbst 2019 seinen Angriff auf die Synagoge durchführt. Seine Selbstgespräche sind gespickt mit Holocaustleugnung und antifeministischen und verschwörungsideologischen Ideen. Der Attentäter von Christchurch verübt im März 2019 ein Attentat auf zwei Moscheen in Neuseeland, bei dem 50 Menschen getötet werden. Er beginnt sein Manifest mit den Worten “Es sind die Geburtenraten. Es sind die Geburtenraten. Es sind die Geburtenraten.”

Sein Manifest ist voll mit rassistischen Ansichten und der Ablehnung feministischer Selbstbestimmung. Die Attentate von Halle und Christchurch reihen sich damit in eine traurige Liste von Morden ein, die immer auch im Zusammenhang mit Frauenhass stehen. Da sind die Rechtsterroristen im norwegischen Oslo/Utøya (2011) oder Isla Vista/ Kalifornien (2014)(4). Und auch der Angriff auf die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker im Jahr 2015 ist Ausdruck der Radikalisierung eines brandgefährlichen Narrativs mit antifeministischen Anteilen.

Die Pamphlete und Kommentare dieser rechtsterroristischen Attentäter lassen auf eine ideologische Koalition schließen, bestehend aus Antisemitismus, Rassismus und Frauenhass, die sich gegenseitig vorauszusetzen scheinen. Dabei wird in der Analyse gerade der Frauenhass oft vergessen. Er ist dem Rechtsextremismus aber inhärent und darf nicht ausgeblendet werden. Die Vorstellung und Inszenierungen einer soldatischen Männlichkeit, die Omnipotenzfantasien und eine vehemente Abwehr des Weiblichen angesichts eines halluzinierten Untergangs ist nicht neu: Ähnlich argumentierten die deutschnationalen Bewegungen bereits vor dem Nationalsozialismus.

Frauen und marginalisierte Personen als Betroffene von rechtsextremer Gewalt

Eine Analyse der New York Times ergab, dass die Amokläufer und Attentäter von El Paso, Dayton, Orlando und anderen Orten eines gemeinsam haben: Frauenhass. Sie waren alle bereits wegen häuslicher Gewalt, Vergewaltigung oder sexueller Nötigung aufgefallen oder verurteilt worden (vgl. Bosman/ Taylor/ Arango 2019). 

Aber auch in explizit rechtsextremen Gewalthandlungen an Frauen und bei Todesfällen in Folge rechtsextremer Gewalt gibt es zahlreiche Hinweise auf Misogynie, Antifeminismus und Sexismus. Weibliche Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland, wie Blanka Zmigrod (1992), Beate Fischer (1994), Patricia Wright (1996), Jana Georgi (1998) oder Marwa El-Sherbini (2009) werden allerdings nur selten auch als weibliche Opfer rechtsextremer Gewalt verstanden. Sexismus ist als Element im rechtsextremen Einstellungsbündel zwar enthalten, wird bei der Thematisierung extrem rechter Gewalt aber nicht berücksichtigt. Misogyne und sexistische Motive finden generell in der Bewertung von Gewalttaten an Frauen wenig Berücksichtigung.

Häufig ist in den Ermittlungen, Gerichtsverhandlungen und in der medialen Berichterstattung von sogenannten “Beziehungstaten” oder “Ehedramen” die Rede. Auch in Fällen, in denen Täter mit einem gefestigten rechtsextremen Weltbild solche Gewalt ausüben, wird die sexistische Komponente der Tat vernachlässigt. Sexistisch motivierte Gewalttaten werden entpolitisiert. Gleichzeitig weisen Lageberichte von Sicherheitsbehörden zu (häuslicher) Gewalt gegenüber Frauen eine Einteilung nach der Herkunft der Täter:innen aus. In den Medien wird entsprechend oft nach Religion oder Herkunft als Motiv gefragt und spekuliert. Allerdings ausnahmslos bei migrantisierten Tatverdächtigen.

Ein mögliches rechtsextremes Einstellungsmuster findet hingegen keine Berücksichtigung. So wird geschlechtsspezifische Gewalt und damit auch Sexismus und Misogynie als ein Element von Hasskriminalität gegen Frauen derzeit nicht von deutschen Strafverfolgungsbehörden erfasst. Auch in den Zählungen von Opferberatungsstellen gibt es keine Daten zu Frauenfeindlichkeit. Die Frage ist also, in welchem Umfang sich unter Todesopfern und Betroffenen rechtsextremer Gewalt oder in den Statistiken zu politisch motivierter Kriminalität Hinweise auf Misogynie und Sexismus gegen Feminist:innen, Antifa-Frauen, Sexarbeiter:innen, Trans*-Frauen oder Lesben finden. Auch bei aktuellem Rechtsterror spielt das Geschlecht eine besondere Rolle. Die Drohungen des NSU 2.0 trafen vor allem Frauen. Welchen Umfang hat das Phänomen und wie stark wirkt es sich als „Motivation“ für rechtsextreme Gewalt aus? 

Geschlecht in Analyse und Gegenstrategien berücksichtigen

Der rechtsextreme Terror gewinnt derzeit vor allem durch die globalen Bezüge aufeinander einen besonderen Schrecken und Schlagkraft. Dabei ist der sogenannte Akzelerationismus, wonach der Kollaps der Demokratie durch Chaos und Gewalt beschleunigt werden soll, ein wesentliches Ziel und Ideologiefragment. Heraufbeschworen werden soll ein „Endkampf der Kulturen“, der die Gesellschaft ins Chaos stürzt. Auch in Deutschland bereiten sich extrem rechte, männlich dominierte Prepper-Gruppen auf einen imaginierten „Tag X“ vor, trainieren, horten Waffen und Vorräte. Strategisches Ziel ist ein Bürgerkrieg gegen Regierung, Migrant:innen, Feministinnen, Jüd:innen und andere ausgemachte Feindbilder, um die weiße männliche Überlegenheit zu sichern.

Diesen Entwicklungen muss entschieden entgegengewirkt werden. Dazu muss Geschlecht in die Analyse und für Gegenstrategien von rechtspopulistischen, rechtsextremen und rechtsterroristischen Strukturen berücksichtigt werden. Hier gilt es, die Leerstelle von Wissenschaft, Sicherheitsbehörden und Zivilgesellschaft zu füllen. Damit in der Zukunft gegengesteuert werden kann, muss dabei auch sichtbar gemacht und aufgearbeitet werden, dass sich Gender-Bias und struktureller Rassismus in Sicherheitsbehörden, Medienberichterstattung und Gesellschaft nicht selten wechselseitig bedingen.

 

Eine Gesellschaft, die für alle Menschen Sicherheit bieten soll, muss gerade auch die Perspektiven von marginalisierten Gruppen einbeziehen. Das bedeutet, dass sich Frauen, LSBTIQ*, BIPOC, Jüdinnen und Juden oder Sinti:zze und Rom:nja sicher fühlen müssen. Dafür ist es entscheidend, dass nicht zuletzt Sicherheitsbehörden die Verschränkungen von Antifeminismus, Antisemitismus und Rassismus anerkennen und bearbeiten. Wer Antifeminismus als Problem nicht wahrnimmt, lässt eine wichtige ideologische Begründung für Rechtsextremismus außen vor.

Neben den Sicherheitsbehörden ist es die demokratische Zivilgesellschaft, die durch eine aufmerksame und menschenrechtsorientierte Haltung und eine klare Abgrenzung zu Antisemitismus, Rassismus und anderen Ideologien der Ungleichwertigkeit die Grundlagen für eine sichere Gesellschaft legt. Diese wichtige zivilgesellschaftliche Arbeit muss abgesichert sein. Außerdem muss die Intersektion verschiedener Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit bearbeitet und es müssen Projekte gefördert werden, die sich speziell mit Antifeminismus beschäftigen.

 

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Anerkennung der Tatsache, dass Antifeminismus und Sexismus – ähnlich wie sämtliche Ideologien der Ungleichwertigkeit – nicht nur unter rechtsextremen Attentäter:innen weit verbreitet sind, sondern auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft Anhänger:innen finden. So zeigt etwa die Leipziger Autoritarismus-Studie (LAS), die 2020 quantitative Daten zur Verbreitung von Antifeminismus in Deutschland erhoben hat, dass 18 Prozent der Bevölkerung ein geschlossen antifeministisches und 25 Prozent ein geschlossen sexistisches Weltbild haben.

Die Autor:innen der Studie kommen zu dem Schluss: “Menschen mit antifeministischen Einstellungen sind in Deutschland zwar eine Minderheit, die durch organisierten Antifeminismus mobilisierbar ist, aber weder eine besonders kleine, noch eine unsichtbare” (LAS: 277). Antifeminismus dient Rechtsextremen als Brücke in den Mainstream – und genau das macht seine Gefährlichkeit aus. Zu einer Gegenstrategie gehören also ebenfalls Anstrengungen und gesamtgesellschaftliche Bemühungen für den Abbau von Sexismus, Antifeminismus und Frauenhass. 

 

Zuletzt ist für eine Gesellschaft, die Sicherheit für alle Menschen schaffen will, zentral, Gewalt gegen Frauen und Sexismus zu bekämpfen. Das fängt damit an, dass Geschlechterstereotypen hinterfragt werden, ob in der Schule oder in der Familie. Und das bedeutet, dass Frauenhäuser und -beratungsstellen Schutz für alle Frauen bieten müssen, was einer guten und nachhaltigen Finanzierung bedarf. Unterstützt werden müssen all die genannten Anstrengungen durch den Ausbau kritischer Männlichkeitsforschung und eine kritische und feministisch orientierte Auseinandersetzung mit Patriarchat und Heteronormativität.

 

Hier geht es zum Dossier von Heimatkunde: Rechter Terror. Warum wir eine neue Sicherheitsdebatte brauchen

 


Erläuterungen:

(1) Incel (‚Involuntary celibacy‘) ist die Selbstbezeichnung von Männern, die „unfreiwillig enthaltsam“ leben. Schuld daran seien Frauen, indem sie Männer unterdrückten (vgl. Kracher 2020).

(2) Loser Zusammenschluss von vor allem webbasierten frauenfeindlichen Bewegungen, die mit der Alt-Right und anderen extrem-rechten Bewegungen assoziiert sind. Laut Ribeiro et al. (2020) driften immer mehr Männer innerhalb dieser Bewegungen in ein gewaltbereites frauenfeindliches Spektrum ab.

(3) Beschönigende Selbstbezeichnung für eine Männerbewegung, deren Ziel es ist, Frauen sexuell auszunutzen und sie dabei zu objektifizieren – ohne Rücksicht auf deren Selbstbestimmung. Ihre misogyne Weltsicht hat große Schnittmengen mit extrem-rechten Ideologien (Belltower.News 2018).

(4) Anschlag mit Schusswaffe, sechs Tote, mehrere Verletzte; Frauenhass als Motiv.

 

Literaturnachweise: 

ADL’s Center on Extremism (2018): When Women are the Enemy: The Intersec-tion of Misogyny and White Supremacy. URL: https://bit.ly/2IxFuUh (abgerufen am 04.02.2021).

Bosman, Julie; Taylor, Kate; Arango, Tim (2019): A Common Trait Among Mass Killers: Hatred Toward Women. New York Times. URL: https://www.nytimes.com/2019/08/10/us/mass-shootings-misogyny-dayton.ht… (abgerufen am 04.02.2021).

Follman, Mark/Aronsen, Gavin/Pan, Deanna (2019): „US Mass Shootings, 1982-2019: Data From Mother Jones’ Investigation“, in: MotherJones. URL: https://bit.ly/2TNgCgo (abgerufen am 03.02.2021).

Kracher, Veronika (2020): Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults. Ventil Verlag, Mainz. 

Leipziger Autoritarismus Studie (LAS): Autoritäre Dynamiken: Alte Ressentiments - neue Radikalität. https://www.boell.de/de/2020/11/09/autoritaere-dynamiken-alte-ressentim… (abgerufen am 03.02.2021).

Schad, Ute (2009): Abschlussbericht Expertise zum Thema „Bedeutung von geschlechtsspezifisch unterschiedlich ausgeprägten Rollenbildern bzw. Orientierungs-, Identitäts- und Handlungsmustern. URL: https://www.vielfalt-mediathek.de/wp-content/uploads/2020/12/expertise_… (abgerufen am 03.02.2021).

Rahner, Judith (2020): Tödlicher Antifeminismus. Antisemitismus, Rassismus und Frauenfeindlichkeit als Motivkomplex rechtsterroristischer Attacken. In: Birsl, Ursula/Henniger, Anette (Hrsg.): Antifeminismen. ‚Krisen’-Diskurse mit gesellschaftsspaltendem Potential? Bielefeld: Transcript, S. 285-300.

Spicker, Rachel/ Glaser, Enrico/Jugenheimer, Alina (2018): »Die zweite Beate Zschäpe werden« – Frauen in aktuellen rechtsterroristischen Prozessen. In: Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.): Le_rstellen im NSU-Komplex. Geschlecht – Rassismus – Antisemitismus. URL: www.amadeu-antonio-stiftung.de/wp-content/uploads/2018/08/nsu_leerstell… (abgerufen am 03.02.2021).

 

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