Kampf um feministische Geschichten: Annemarie Tröger

Texte und Kontexte 1970-1990

Lesedauer: 3 Minuten
Cover des Buches Kampf um feministische Geschichten

Einleitung

von Regine Othmer / Dagmar Reese / Carola Sachse

Annemarie Tröger, 1939 geboren, gehörte in den 1970er Jahren zu den Begründerinnen der Frauenforschung im deutschsprachigen Raum. Ihre Seminare, Vorträge, Publikationen waren für viele ihrer Kolleginnen und Studentinnen wegweisend. Ihr Denken, die Wahl ihrer Sujets, die Forschungsmethoden, die sie aufgriff und vorantrieb, die internationalen wissenschaftlichen und politischen Netzwerke, die sie mit aufbaute und in denen sie agierte, waren von der eigenen historischen Erfahrung und zugleich von ihren politischen Zielen geprägt. Annemarie Tröger hatte Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg als Kind in Thüringen erlebt; als Schülerin und Jugendliche wechselte sie, solange dies noch möglich war, zwischen den neugegründeten Haushalten von Mutter, Tanten, Großmüttern auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze hin und her. Ab 1960 stand sie als westdeutsche Studentin mitten in den geistigen und kulturellen Umbrüchen der Zeit. Während ihres Studiums an der Freien Universität Berlin (FU) engagierte sie sich im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), während der Jahre in den USA beim amerikanischen Pendant, den Students for a Democratic Society, später setzte sie sich auf beiden Seiten des Atlantiks in der neuen Frauenbewegung ein. Sie gehörte zu jenen kritischen linken Intellektuellen, die die Wissenschaft stets mit Blick auf ihren politischen und sozialen Nutzen prüfen.

Mit den in diesem Buch versammelten Texten wollen wir nicht nur an die engagierte linke und feministische Intellektuelle Annemarie Tröger erinnern. Wir wollen anhand der ausgewählten und hier teils erstmals, teils wieder publizierten Texte einer der frühen Protagonistinnen nachvollziehbar machen, wie Frauenforschung, lange bevor von Geschlechterforschung oder gender studies die Rede war, aus den politischen Kämpfen und transnationalen Diskussionen der 1960er, 1970er und 1980er Jahre hervorgegangen ist. Wir verstehen diese Schriften nicht als Basistexte oder frühe Meilensteine einer neuen Wissenschaftsdisziplin, sondern als historische Dokumente eines Forschungsanliegens oder auch einer Denkweise, die sich als politisch und wissenschaftlich umstürzend, also revolutionär verstand und disziplinäre Grenzen in den Wissenschaften selbstbewusst ignorierte. Genauso hat sich Tröger in ihrer akademischen Biographie zwischen Psychologie, Soziologie, politischer Ökonomie, Zeitgeschichte und Entwicklungspolitik jeder disziplinären Zuordnung und den damit verbundenen Zugangs-, Anerkennungs- und Karriereregeln verweigert. Sie verachtete die etablierten professionellen Maßstäbe der akademischen Meritokratie und scheiterte – anders als manche ihrer in späteren Jahren doch wieder anpassungswilligeren Mitstreiterinnen – nicht zuletzt an der seit den 1980er Jahren unaufhaltsamen disziplinären Ausdifferenzierung und universitären Institutionalisierung dessen, was in den Jahren zuvor als nicht-disziplinäre und anti-institutionelle Frauenforschung, also als ein verbaliter utopisches Projekt ohne Ort im Wissenschaftssystem gestartet war [1].

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[1] Das FFBIZ – Das Feministische Archiv e. V. (ehemals Frauenforschungs-, -bildungs-    und -informationszentrum) in Berlin war ursprünglich als ein solch anderer, heterotopischer Ort konzipiert. Vgl. dazu den Nachruf auf seine langjährige Leiterin und Archivarin, die kürzlich verstorbene Historikerin Ursula Nienhaus, von Karin Hausen: Ursula Nienhaus: Erinnern und Erinnerungen 2020. Von den insgesamt 64 sogenannten Gender-Professuren, die zwischen 1983 und 2005 an (west-)deutschen, österreichischen und schweizerischen Universitäten eingerichtet wurden und deren Stelleninhaberinnen bis Ende 2014 pensioniert wurden, war nur eine nicht in den etablierten Disziplinen, zwei Drittel hingegen in nur drei Fächern – Soziologie (19), Erziehungs- und Literaturwissenschaften (je 10) – angesiedelt; von den verbleibenden 63 waren nur 18 voll der Frauen- und Geschlechterforschung im jeweiligen Fach gewidmet, die anderen waren entsprechend teildenominiert und insofern noch deutlicher im Fach verankert. Vgl. Ulla Bock: Pionierarbeit 2015, S. 28, 293-298.