Vier Gründe warum wir im Gesundheitssektor eine Zeitrevolution brauchen 

Kommentar

Wie können wir die verschiedenen Gegenwarten, denen wir gegenüberstehen, ob auf Lesbos, in Kabul oder in Ahrweiler integrieren und in unsere Zeitlichkeit bringen? Wie wissen wir, was für unsere Gegenwart wichtig ist? Melanie Wilke und Hannah Gruber beleuchten die gesellschaftlichen Zusammenhänge, die hinter dem allgegenwärtigen Zeitmangel stehen, insbesondere in Bezug auf Gesundheit und Pflege.

Three times clockwise

Three times anti-clockwise

Don't breathe in until there's no air left in your lungs

Keep moving

Don't move

Keep moving

Don't move

Kae Tempest

 

Sind wir in Verbindung mit dem was wir tun, scheint die Zeit aufzuhören zu existieren. Wenn ihr diesen Text selbstvergessen lest, verschwindet dabei das Vergehen der Minuten und ihr gebt euch für einen Augenblick hin. Zeit begegnet uns in vielen Dimensionen. Wie können wir die verschiedenen Gegenwarten, denen wir gegenüberstehen, ob auf Lesbos, in Kabul oder in Ahrweiler integrieren und in unsere Zeitlichkeit bringen? Wie wissen wir, was für unsere Gegenwart wichtig ist? 

Wir, die Autorinnen dieses Textes, haben uns in der kritischen Psychologie und in feministischen Kontexten kennengelernt. Wir stoßen uns am Umgang mit Zeit.  Minuten, Taktung und tägliche Termine stehen im Fokus, im Alltag, in Beziehungen, Lohnarbeit und auch in aktivistischen Gruppen. Wir fragen uns, welche gesellschaftlichen Zusammenhänge hinter dem allgegenwärtigen Zeitmangel stehen. 

Feministinnen wie die Ökonomin Mascha Madörin und Care-Expertin Tove Soiland, die sich mit Zusammenhängen von Wirtschaft und (un-)bezahlter Pflegearbeit beschäftigen, nennen die Diskussion um Sorgearbeit und eine „Zeitbewegung“ als zentrale politische Forderungen feministischer Bewegungen. Im bezahlten Care Sektor ist der Zeitmangel besonders offensichtlich: das Personal hat nur wenige Minuten, um essentielle Bedürfnisse von Menschen zu erfüllen. In der Verzweiflung unterstützen. Aber bitte effizient. 

Dieser Artikel ist ein Versuch, an einer Veränderung in unserer Beziehung zur Zeit mitzuwirken. Wir diskutieren im Folgenden vier Gründe, warum wir im Gesundheitssektor und darüber hinaus eine Zeitrevolution brauchen.

1. Weil Pflegearbeit und Mangel an Zeit zentral für aktuelle politische Kämpfe sind

Ärzt:innen und Pfleger:innen kritisieren, dass alle Tätigkeiten getaktet, dokumentier- und abrechenbar sein müssen. Zeitmangel entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern ist durch neoliberale Entwicklungen bedingt. Die vielfach kritisierte Ökonomisierung, also Ausrichtung an wirtschaftlichen Zielen des Gesundheitswesens, verlangt dem Personal immer effizienteres Arbeiten ab - auf Kosten der Patient:innen. In der Pflege zeigt sich der Druck besonders stark. Hier sind zwischenmenschliche Beziehungen und damit Emotionen Kern der Arbeit. Diese können nicht unbegrenzt optimiert und standardisiert werden. 

Geforderte Produktivitätssteigerung steht neben massivem Personalmangel im Pflegebereich. Dieser wird schon lange gesehen, jedoch nicht politisch angegangen. So scheinen Taktung und effizientes Arbeiten unumgänglich. Gesundheitspolitische Gruppen machen seit Jahrzehnten stark, dass Gesundheit keine Ware sein darf. Arbeitskämpfe von Seiten der Pflegenden vertreten Forderungen nach guten Arbeitsbedingungen und einer menschlichen Pflege.

2. Weil Zeit instrumentalisiert wird, um andere Missstände zu verschleiern  

In Diskussionen zu Patient:innen-Autonomie, die eine von uns für ihre Masterarbeit führte, nannten Ärzt:innen vielfach Zeitmangel als Hauptproblem. Für gute Aufklärungsgespräche fehle häufig die Zeit. Eine Ärztin jedoch brachte ein interessantes Argument vor: Für ein gutes Aufklärungsgespräch brauche es manchmal nur wenige Minuten. Woran es mangelt, sind oft eher die emotionalen Fähigkeiten und die Bereitschaft, sich wirklich auf die Situation einzulassen. Es geht um mehr als um Zeitmangel. 

Zeit kann als Vorwand dienen, sich mit tieferliegenden Problemen nicht auseinanderzusetzen. Wenn wir Freund:innen nicht treffen wollen, ist es sehr viel einfacher zu sagen, dass wir gerade viel zu tun haben. Uns geht dabei aber die Aufrichtigkeit verloren. Wir geben unsere Verantwortung an die Zeit ab. 

Genau vorgegebene Zeitpläne im Klinikalltag hindern Eigenverantwortlichkeit und das Eingehen auf individuelle Bedürfnisse. Länger als vorgegeben für Pflegetätigkeiten zu brauchen oder darüber hinaus "unnötige", aber für die Zwischenmenschlichkeit wichtige Gespräche zu führen, macht angreifbar. So wird Beziehungsfähigkeit und das Ermessen, in verschiedenen Situationen Prioritäten zu setzen und auf das Gegenüber einzugehen, massiv eingeschränkt. 

Historisch ist Zeit immer wieder als Disziplinierungsinstrument eingesetzt worden, so als Maßnahme von Kolonialherrschaft und in Bezug auf Arbeiter:innen in Fabriken. Durch Zeit wurden Menschen beurteilbar in zum Beispiel pünktlich und unpünktlich und damit kontrollier- und strafbar gemacht. Die Arbeitssoziologin Silvia Federici spricht in diesem Zusammenhang von der Mechanisierung von Körpern. Heute wirkt diese vor allem durch die verinnerlichte Selbst-Disziplinierung durch Zeit. Menschen müssen sich strukturieren und funktionieren, um sich an von außen vorgegebene Zeittaktungen zu halten, was für ein gelingendes Leben in unserer bestehenden Gesellschaft quasi unumgänglich ist. 

3. Weil die Pandemie uns Mängel in unserem Umgang mit Gesundheit vor Augen führt

Die Corona-Pandemie hat das Thema Gesundheit in den Fokus gerückt. Betrachtet wurden jedoch vor allem Fallzahlen, psychische und gesellschaftlich bedingte Aspekte von Gesundheit wurden kläglich vernachlässigt. Die Verantwortung für die kollektive Gesundheit wurde auf Eigenverantwortung durch Rückzug bis hin zur Isolation geschoben. Leiden unter den sozialen Folgen des Lockdowns wurde individualisiert und beispielsweise durch Einzel-Therapien versucht zu lösen, statt einen gemeinsamen solidarischen Umgang zu suchen. Bestehende Problemlagen wie Pflegemangel und fehlende Berücksichtigung sozialer Einflussfaktoren auf Gesundheit haben sich zugespitzt. 

Individuen wurde eine verstärkte Planung und Strukturierung von Zeit abverlangt. Im Zusammenfließen von Home-Office, Online-Uni, digitalen Treffen zu politischer Arbeit und Sozialleben wurde erwartet, dass wir weitgehend verfügbar sind und reibungslos im digitalen Raum funktionieren. Unsere Sehnsucht nach echter Begegnung blieb auf der Strecke. Ängste wurden durch Einsamkeit verstärkt, statt kollektiv verhandelt zu werden. 

4. Weil wir als Gesellschaft einen würdevollen Umgang mit Trauer und Tod brauchen 

Eine Ärztin und Pflegerin, mit der wir über unseren Artikel gesprochen haben, sagte, dass ein Großteil der Menschen in Deutschland im Krankenhaus sterben. Die Entscheidung, wann und wie Menschen sterben, wird also meist vom Gesundheitspersonal getroffen, statt von Verwandten oder gar der Person selbst. Es gibt wenig gesellschaftlichen Austausch zu Tod und Trauer. Menschen beschäftigen sich nicht gern mit Krankheit, Tod und damit, was in Krankenhäusern passiert. 

Durch Corona wurde die Forderung laut, Leben zu retten und darauf hingewiesen, dass gerade in Altenheimen Menschen versterben. Wir finden das gesellschaftlich wichtig und heilsam. Bitter ist, dass der Schutz von Menschenleben häufig mit ökonomischen Motiven vermischt ist. Was ausbleibt, ist die Beschäftigung mit dem Sterbeprozess dieser Menschen, die häufig vereinsamt und alleingelassen von der Gesellschaft sind. 

Fazit: Zeitrevolution?

Wir sehen in aktuellen politischen Diskursen kaum Ideen und Aushandlungen zu einem emanzipatorischen Umgang mit Zeit. Auf parteipolitischer Ebene scheint schon die Diskussion um eine 30- statt 40-Stunden-Woche ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Im Bereich der Psychotherapie warten Menschen 1,5 Jahre auf einen Therapieplatz. Der Augenblick für Unterstützung sollte der sein, in dem Menschen danach fragen. Nicht ein Jahr danach. 

Im Griechischen wird zwischen den zwei Zeit-Worten Chronos und Kairos unterschieden: Chronos bezeichnet die messbare, fortschreitende Zeit in Einheiten. Hingegen beschreibt Kairos nach dem Gott der guten Gelegenheit eher die gespürte Zeit eines Ereignisses. Wie unter anderem Alexander Neupert-Doppler umreißt, liegt in der Orientierung hin zu Kairos eine Chance für politische Bewegungen. Politisches Engagement wie auch gedankliche Leistungen sind nicht in Minuten messbar, sondern viel mehr abhängig von der Reife innerer Prozesse, menschlicher Verbindung und dem richtigen Augenblick. 

In unseren Körpern und in der Natur ist Zeit zyklisch. In Bezug auf unseren Aktivismus, unsere Lohnarbeit und unsere Beziehungen gibt es Zeiten, in denen wir mehr Rückzug und Ruhe brauchen, um uns dann in anderen Zeiten mit Freude und Energie einbringen zu können. Statt Zeit zu messen und zu planen, ist es wichtig, organischen Prozessen Zeit zu geben.

Wir glauben im Persönlichen wie im Politischen an die Kraft eines anderen Verständnisses von Zeit. Klar ist dabei, dass dies angesichts systemischer Zwänge in konkreten Zusammenhängen wie dem Gesundheitssystem eine große Herausforderung ist.  

Dieser Artikel wurde zuerst von der Heinrich Böll Stiftung Brussels veröffentlicht.