Intersektionalität

Das Gunda-Werner-Institut für Feminismus arbeitet intersektional. Wir haben den Anspruch, Lebenswirklichkeiten in ihrer Vielfalt sichtbar zu machen. Wie wir das tun und was Intersektionalität in der Praxis bedeutet, findet Ihr hier.


Intersektionalität: eine Definition

Nehmen wir als Beispiel eine Straßenkreuzung, an der der Verkehr aus allen vier Richtungen kommt. Wie dieser Verkehr kann auch Diskriminierung in mehreren Richtungen verlaufen. Wenn es an einer Kreuzung zu einem Unfall kommt, kann dieser von Verkehr aus jeder Richtung verursacht worden sein – manchmal gar von Verkehr aus allen Richtungen gleichzeitig. Ähnliches gilt für eine Schwarze Frau, die an einer „Kreuzung“ verletzt wird; die Ursache könnte sowohl sexistische als auch rassistische Diskriminierung sein.
Kimberlé Crenshaw

Feminismus Backstage #002: Intersektionalität

In vielen feministischen Debatten ist zu hören, dass feministische Theorie und vor allem Praxis intersektional sein sollte. Das hört sich für manche etwas kompliziert an und ist in der Praxis auch gar nicht so einfach umzusetzen. Wir sprechen darüber, was wir im GWI unter Intersektionalität verstehen und was das für unsere Projekte und feministische Bildungsarbeit bedeutet.

Die von Kimberlé Crenshaw gewählte Metapher der Straßenkreuzung hat mindestens vier Bedeutungsebenen:

  1. die Überschneidung (Kreuzung) von Rassismus und Sexismus als Diskriminierungsprozesse und strukturelle Unterdrückungssysteme
  2. die Positionierung von Schwarzen Frauen sowie anderen marginalisierten und mehrfach diskriminierten Gruppen an diesem Kreuzungspunkt
  3. die Positionierung in der Mitte einer Kreuzung erhöht das Risiko, in einen Unfall verwickelt zu werden. Intersektionalität adressiert damit auch die besonderen Verletzungsrisiken von Schwarzen Frauen und anderen marginalisierten Gruppen, aus der sich eine spezifische Schutzbedürftigkeit ergibt.
  4. Es gibt nicht nur eine Ursache für einen etwaigen Unfall. Entsprechend ist keine eindeutige Schuldzuweisung oder Schuldfeststellung möglich.

Intersektionalität: Wie hat es begonnen?

Intersektionalität: eine kurze Einführung

In ihrem bahnbrechenden Aufsatz „Demarginalizing the Intersection of Race and Sex“ (1989) entwickelt Kimberlé Crenshaw eine tiefgreifende Kritik an der US-Amerikanischen Antidiskriminierungsrechtsprechung.

#SayHerName

2016 begann das von K. Crenshaw gegründete African American Policy Forum (AAPF) die Kampagne

#SayHerName: Fill The Void. Lift Your Voice. 

Say Her Name.

Diese macht auf die häufig übersehene Tatsache aufmerksam, dass Schwarze Frauen und Frauen of Color systematisch Gewalt durch die US-amerikanische Polizei erfahren oder auch ermordet werden.


Auszüge aus “Reach Everyone on the Planet….”

Hrsg. vom Gunda-Werner-Institut und dem Center for Intersectional Justice

Das Buch erschien im Mai 2019 und kann hier heruntergeladen werden.

Vorwort und Einleitung

„A truly intersectional feminism can reach everyone on the planet", davon ist K. Crenshaw überzeugt. In der Publikation erzählen Aktivist*innen, Künstler*innen und Forscher*innen warum und vor allem wie Crenshaw sie bis heute inspiriert. 

Von Dr. Ines Kappert, Dr. Emilia Roig

Grußwort

Barbara Unmüßig skizziert, was es für einen Thinktank wie die Heinrich-Böll-Stiftung bedeutet, Mehrfachdiskriminierung systematisch in die Bildungsarbeit einzubeziehen und eben alle Lebensrealitäten mitzudenken.

Von Barbara Unmüßig

Von der Straßenkreuzung zu Ungleichsverhältnissen heute: Travelling Concepts

In Deutschland wird die intersektionale Perspektive vor allem in den Gender Studies verwendet. Sie veranschaulicht, dass sich Formen der Unterdrückung und Benachteiligung nicht einfach aneinanderreihen lassen, sondern in ihren Verschränkungen und Wechselwirkungen Bedeutung bekommen. Kategorien wie Geschlecht, Rasse, Alter, Klasse, Ability oder Sexualität wirken nicht allein, sondern vor allem im Zusammenspiel mit den anderen. Die intersektionale Perspektive erlaubt, vielfältige Ungleichheits- und Unterdrückungsverhältnisse miteinzubeziehen, die über die Kategorie Geschlecht allein nicht erklärt werden können.

Nach dem Beispiel der „Travelling Concepts“ (Mieke Bal) hat Intersektionalität nicht nur im wissenschaftlichen Kontext immer mehr an Bedeutung gewonnen. Es wird auch in Empowerment-Ansätzen als Sensibilisierungsstrategie verwendet, die auf die Schnittmengen von Diskriminierungen aufmerksam macht und für die Prozesshaftigkeit binärer Differenzlinien sensibilisiert. So ist Intersektionalität auch zu einem wichtigen Konzept in politischen Praxen, wie etwa den Menschenrechtsdiskursen der EU geworden. Auch die Antidiskriminierungsstellen arbeiten mit dem Ansatz der mehrdimensionalen Diskriminierung und deren Wechselwirkungen.

Critical Race Theory (CRT) ist eine aktivistisch-akademische Bewegung der Rechtswissenschaft, die von Kimberlé Crenshaw selbst mitbegründet wurde. Ähnlich wie die feministische Rechtswissenschaft Perspektiven auf Gender ins Recht eingebracht hat, hat die CRT die Rechtsforschung um antirassistische Schwerpunkte erweitert. Sie verdeutlicht rassistische Implikationen von Recht, analysiert wie Rassismus und Recht zusammenwirken und wie die Rechtssprechung durch Colorblindness Rassismus verstetigt. Crenshaw selbst beschreibt ihre Zielsetzung wie folgt: „As a legal scholar, my attention was focused on using intersectional analysis to advance an argument within law while at the same time interrogating certain dynamics about law and its relation to social power.“ (Crenshaw 2011, 231)


Afrodeutsch - Schwarzer Feminismus in Deutschland

May Ayim - die Lyrikerin war die bekannteste Schwarze Feministin in Deutschland. Ihre Gedichte sprachen aus, was für viele Afrodeutsche Wirklichkeit war (und ist).

Mit dieser Anthologie wurde 1986 der Begriff “afrodeutsch” geprägt – die erste positive Bezeichnung für People of Color in Deutschland.

Kimberlé Crenshaw, Juraprofessorin an der UCLA und an der Columbia Law School, ist eine führende Expertin in den Bereichen Zivilrecht, Schwarze Feministische Rechtstheorie, und Rasse, Rassismus und Recht. Crenshaw’s bahnbrechende Arbeit hat die Grundsteine für zwei Studienrichtungen gelegt, die durch von ihr geprägte Begriffe bekannt geworden sind: Critical Race Theory und Intersektionalität.  Als Spezialistin für Rasse und Geschlechtergleichheit hat sie Workshops für Menschenrechtsaktivist*innen in Brasilien und Indien, und für Verfassungsrichter*innen in Südafrika gegeben. Ihre Arbeit zu Intersektionalität beeinflusste den Entwurf der Gleichbehandlungsklausel in der südafrikanischen Verfassung maßgeblich. Zudem verfasste Crenshaw das Hintergrundpapier zu Geschlechter- und rassistischer Diskriminierung für die Weltkonferenz gegen Rassismus (WCAR) und koordinierte die Bestrebungen einer Nichtregierungsorganisation, die beabsichtigte die Inklusion von Gender in der Konferenzdeklaration der WCAR sicherzustellen. Sie ist die Mitgründerin und Geschäftsführerin des AAPF (The African American Policy Forum) und Gründerin und Geschäftsführerin des Center for Intersectionality and Social Policy Studies an der Columbia Law School. Außerdem ist sie die Präsidentin des Center for intersectional Justice (CIJ).