Unsichtbar? Vielleicht. Unwichtig? Von wegen!

Podium v.l.n.r. Nelli Kampouri, Deborah Carlos Valencia, Margarita Tsomou. Urheber: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Finanzkrise trifft als erstes die ohnehin benachteiligten Gruppen der Gesellschaft. In Griechenland sind durch den Ausfall des Sozialstaats und der Zunahme von Gewalt Frauen* und insbesondere migrantische Frauen* betroffen. Dennoch ist der Krisendiskurs in den Medien vor allem ein männlicher – Frauen* kommen darin kaum vor und auch der Genderaspekt wird als „Nebenwiderspruch“ ausgeblendet.
Bericht zum Panel: Unsichtbare Frauen? Krise, Gender und Migration in Griechenland 2015  - Dare the im_possible /Wage das Un_mögliche (15.10.-18.10.2015)

Nach einem langen und prall gefüllten zweiten Veranstaltungstag stand mit dem Abendpanel um 20 Uhr noch ein besonders aktuelles Thema auf dem Programm: Moderiert von Missy Magazine-Herausgeberin Margarita Tsomou, erörterten die Politikwissenschaftlerin Nelli Kampouri und die Aktivistin Debbie Carlos-Valencia die Rolle von Frauen* in der Griechenlandkrise. Entgegen der gängigen medialen Darstellung, die eine glauben ließe, die politischen Hauptakteure in Griechenland seien vor allem Männer, stellte Margarita Tsomou einleitend fest, dass vor allem Frauen* und insbesondere migrantische Frauen* Impulse für die jüngsten politischen Bewegungen setzten, ja sogar ausschlaggebend für die wichtigsten solidarischen Bestrebungen waren. So war es beispielsweise eine Gruppe im Ministerium angestellter Reinigungskräfte, die – von den Kürzungen im öffentlichen Sektor unmittelbar und brutal betroffen – einen monatelangen öffentlichen Protest vor dem Finanzministerium organisierten und damit den Begriff der Rubberglove Revolution (Gummihandschuh-Revolution) prägten. Doch ebenso seien migrantische Frauen* alles andere als nur stumme Opfer der verschärften sozialen Verhältnisse gewesen, sondern hätten auch ihre Kämpfe mit der Bewegung verknüpft.

Diese und ähnliche Arten von Verknüpfungen, als Folge von politischen Allianzen, aber auch politischen Ausschlüssen, beleuchtete der Impulsvortrag von Dr. Kampouri. Auch sie betonte die Tatsache, dass es sich bei der solidarischen Protestbewegung in Griechenland vor allem um eine feministische bottom-up-Revolution handelt, und dass politische Allianzen mit LGBTQ-Gruppen neue politische Themen auf die Agenda der Linken gesetzt hätten. Kampouri berichtete jedoch auch davon, welche Art diskursive Schulterschlüsse von Mainstream und Faschismus aus dem Parlamentseinzug der faschistischen Partei „Goldene Morgenröte“ erwachsen seien. Auch zeigte sie sich skeptisch, ob schon die Forderung nach parlamentarischer Repräsentation ausreiche, um feministische Anliegen auf die politische Agenda zu setzen. Und obgleich sich Syriza im Zuge ihres Aufstiegs nicht nur feministischer Rhetorik, sondern auch feministischer Unterstützung bedient habe, sei spätestens jetzt klar, dass die Regierung LGBTQ-Themen zu Gunsten anderer marginalisiere. Mit den Worten Penny Griffins konstatierte sie, dass die diskursive Vormachtstellung des Ökonomischen im Stande sei, ganze Konzepte wie Kultur, Gender, Race, Produktion, Konsum und Repräsentation fast vollständig zu schlucken.

Insgesamt bekräftigte sie, dass die Wirtschaftskrise bisher nicht nur zerstörerische Folgen für die griechische Bevölkerung gehabt habe, sondern auch als ein Katalysator für soziale Bewegungen, Solidarität und Emanzipation gelesen werden könne. Und daran seien vor allem die Gruppen beteiligt gewesen, die durch die Krise am härtesten getroffen wurden.

„Meiner Meinung nach waren es die Kämpfe der schlecht bezahlten, prekären, größtenteils migrantischen, aber auch griechischen Frauen in den Reinigungs-, Hauswirtschaft- und Pflegesektoren, die griechische Gender-, Klassen- und rassifizierte Privilegien maßgeblich in Frage gestellt haben.“

Von eben jenen Gruppen und Kämpfen handelte der Vortrag von Debbie Carlos-Valencia, Mitbegründerin der philippinischen Frauenkooperative DIWATA und des migrantischen Frauennetzwerks MELISSA in Athen. Migrantische Frauen*, ohnehin marginalisiert und ökonomisch exkludiert, würden durch die aktuelle politische Situation stetig weiter unsichtbar gemacht. Dabei habe sich die Lage der überwiegend im Domestic Labour-Bereich arbeitenden Frauen* immens verschärft. Carlos-Valencia berichtete von institutioneller Diskriminierung auf mehreren Ebenen, von fehlender Anerkennung und brutalen körperlichen Angriffen.

Deborah Carlos Valencia. Urheber: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Der erhöhten ökonomischen, sozialen und körperlichen Verletzbarkeit migrantischer Arbeiter_innen setzte Carlos-Valencia deren außergewöhnliche Stärken entgegen. Sie betonte die vielfache Bildung selbstorganisierter Strukturen und quasi-institutioneller Netzwerke: Als ihren Kinder nicht erlaubt wurde, staatliche Betreuungsangebote zu nutzen, gründeten sie ihre eigene Kita. Die Löhne der in privaten Haushalten arbeitenden Frauen* waren vollkommen willkürlich gesetzt – also schlossen sie sich zu einer gewerkschaftsähnlichen Organisation zusammen, die bis heute erfolgreich Mindestlohngrenzen aushandelt. Und vor allem, hob Carlos-Valencia hervor, setze die migrantische Frauen*bewegung auf Allianzen – über alle Grenzen und Nationalitäten hinweg.

„Wir bilden vor allem Bündnisse mit und unter den Geflüchteten und Migrant_innen, aber auch mit den zivilgesellschaftlichen Organisationen, NGOs, und Gewerkschaften der Aufnahmeländer. So machen wir sichtbar, dass unsere migrantischen Organisationen in Wahrheit transnationale soziale Akteure sind, Triebkräfte des Wandels sowohl in den Herkunfts- als auch den Aufnahmeländern.“

Wiederholt verwies Carlos Valencia auf eben diesen Nutzen, den Migrant_innen darstellen, etwa wenn sie die überdurchschnittliche Flexibilität, Eigenverantwortung oder sparsame Findigkeit der migrantischen Frauen* betonte. So sei der Name des Netzwerks MELISSA (μέλισσα), griechisch für Biene, nicht zufällig gewählt:

„Migrantische Frauen sind Bienen, hart arbeitende Bienen. Sie sind von weit her gekommen, aus der ganzen Welt, und sie bringen mit sich ihre Skills und Talente, ihre Träume und Ideen, und ihre einzigartigen Stärken.“

Es war dieser Punkt, die Betonung jener individualistischen, wenn nicht gar vorbildlich neoliberalen assets in Verbindung mit angeblichen tierischen Eigenschaften, die dem Abend einen interessanten, unvorhergesehen performativen Spin gaben. Denn während Kampouri noch einwarf, dass es neuen Studien zufolge zumindest auch faule Ameisen, warum dann also nicht auch faule Bienen gäbe, lenkte die Moderatorin die Aufmerksamkeit auf eine sich kaum merklich voran bewegende Prozession von Faultieren: Eine kostümierte Gruppe „fauler Frauen“ aus dem vorangegangen Workshop. Und auch wenn es die Faultiere mit ihrer Performance nie bis an das Podium schafften, klangen die diskursiven Untertöne dieses ideologischen Konflikts noch im Raum nach. Müssen Migrant_innen immer fleißig wie Bienen, Gesellschaften immer ameisenemsig sein? Denn wie lässt sich noch anders über (migrantische) Frauen, Care-Arbeit und Reproduktionsarbeit sprechen in einem Land, das die Demokratie der Ökonomie opfern musste, das den Sozialstaat im Zuge struktureller Anpassung so demontiert hat, dass die Verdinglichung von Menschen unabdingbar, Migrant_innen konsequent verwertbar geworden sind. Auch für die Expertinnen auf dem Panel stellt sich am Ende die Frage: Lässt sich der Begriff Feminismus mit Werten jenseits von Wachstum füllen? Wohl erst, wenn alle Frauen* Faultiere sein können.

Fotos der Veranstaltung

Videomitschnitt der Veranstaltung

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