Interview: Die Freundschaft zur Welt nicht verlernen

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Ein Gespräch am 4. Oktober 2016 über Feindschaft zwischen Christina Thürmer-Rohr (C.T.R.), Sabine Hark (S.H.) und Ines Kappert (I.K.)

I.K.: Angesichts des Rechtsrucks in Deutschland und in Europa sag­ten Sie, es wäre an der Zeit, mehr über Feindschaft nachzudenken. Was meinten Sie damit?

C.T.R.: Der Anlass war ein Interview mit dem französischen Philoso­phen Alain Finkielkraut in der ZEIT. Er sagte dort, die Deutschen hätten mit ihrer Willkommenskultur im letzten Jahr einen folgen­schweren Fehler begangen: Sie würden Feinde nicht als Feinde erkennen. Sie würden sich mit eingewanderten Muslimen den Anti­semitismus ins Land holen und darauf verzichten, die europäische Zivilisation zu verteidigen. Deutschland wolle sich von seinem histo­rischen Makel freikaufen, indem es sämtliche Einwanderer in bloße Andere verwandele und so die Grenze zwischen Anderen und Fein­den missachte. Man traue sich nicht, Feinde als Feinde zu benennen. Wer das dennoch tue, gelte als Rassist. Uns sei mit unserem Antiras­sismus ein realistisches Weltbild abhandengekommen. Auch wenn ich Finkielkrauts Einwand ablehne, fragte ich mich: Was machen wir eigentlich mit der Feind-Frage?

I.K.: Hat Finkielkraut recht, sind die Deutschen aufgrund des Holocaust zu feige, ihre heutigen Feinde zu erkennen?

C.T.R.: In Westdeutschland haben wir jahrzehntelang das Wort « Feind » weitmöglichst vermieden, das stimmt. Wir haben lieber von den Anderen gesprochen. Das rechtsstaatliche Demokratieverständ­nis kennt Meinungsgegner, Meinungsstreit, Streitkultur, Kontrover­sen. « Feinde » gehören ins Ressort Kriminalität und sind der Justiz und der Polizei überlassen – oder auch dem Militär. Demokratie-und Menschenfeinde, die nicht direkt Gesetze brechen, gehören also in den Zuständigkeitsbereich der Zivilgesellschaft.

I.K.: Was ist falsch daran?

C.T.R.: Die Frage ist, wie wir den Unterschied zwischen Anderen und Feinden verstehen. Können wir weiterhin auf den Feind-Begriff verzichten, so wie wir es die ganze Zeit gemacht haben? Übrigens im Unterschied zur DDR. Sie hatte den Klassenfeind, den Westen als Kardinalfeind, die Dissidenten waren Feinde der DDR. In der politischen Bildung der BRD ging es dagegen weniger darum, Feinde zu orten, sondern es wurde eher versucht, Feindbilder zu entlarven, das heißt Feindschaft als Projektion und Wahrnehmungsirrtum zu verstehen, als unser Vorurteil. Das kann man als eine Errungenschaft verstehen, finde ich. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit.

I.K.: Doch jetzt werden vermehrt Personen sichtbar und laut, die sich in demokratisch gewählten Parteien organisieren und demo­kratischen, vielfältigen, antirassistischen Ideen von Zusammenleben feindselig entgegentreten.

C.T.R.: Ja, das sind keine Feindbilder, sondern das sind konkrete Akteure, Fremdenfeinde, Frauenfeinde, Menschenfeinde, Feinde der Wahrheit, Feinde der Tatsachen etc. Und es ist die Frage, wie auf sie zu antworten ist. Mit Fluchtreflexen? Mit Totstellreflexen? Mit Kampfreflexen? Boykottieren, distanzieren, attackieren, ausgrenzen, einbinden? Gestern Abend habe ich mich gefreut, als Claudia Roth bei den Feierlichkeiten zur Deutschen Einheit in Dresden zumindest versuchte, die Pegida-Leute anzusprechen. Dabei ging es sicher nicht um Erfolg im Sinne einer Verständigung, sondern ums schiere Entge­gentreten, ums Sichtbarwerden.

I.K.: Es geht also darum, sich von dem Hass und den Anfeindungen nicht verdrängen zu lassen und im Gegenteil im Gespräch präsent zu bleiben. Ermöglicht die Wahrnehmung etwa von Pegida-Anhän­ger*innen als Feind*innen der demokratischen Zivilgesellschaft ein Mehr an Präsenz?

C.T.R.: Ja. Denn nur so werden die Positionen erkennbar und klar.

I.K.: Ich habe einen Vorbehalt gegenüber dem Begriff « Feindschaft », denn ich verbinde damit eine Militarisierung des Denkens und Han­delns. Feinde dürfen im Zweifel getötet werden, mit Gegner*innen muss ich mich mit zivilen Mitteln auseinandersetzen, ihre Positionen muss ich bedenken, sie sind prinzipiell legitim.

C.T.R.: Aber in der Demokratie landen idealiter ja alle, die direkt gegen die Rechtsordnung verstoßen, beim Justizapparat, sie werden dort  "verarbeitet", da sie das Gewaltmonopol des Staates verletzt haben. Die Frage bleibt bestehen, wie wir mit der Tatsache umgehen, dass die Zivilgesellschaft nicht nur ihre hässliche, sondern auch ihre feindliche Seite hat.

S.H.: Mir leuchtet nicht ein, warum wir Feindschaft nur militarisiert oder gar bellizistisch denken können sollten. Die klassische Sozio­logie würde jetzt mit Georg Simmel kommen, der sagt: Freund und Feind sind die beiden Idealtypen von Vergesellschaftung. Es sind die beiden legitimen Weisen zu existieren. Damit ist eben gerade nicht gesagt, dass die, die nicht zu mir gehören, diejenigen sind, die ver­nichtet werden dürfen. Es ist vor allem eine Weise, zwischen Zugehö­rigkeit versus Nicht-Zugehörigkeit zu unterscheiden. Das Paradox, so würde Simmel sagen, ist ja gerade: Wir brauchen die Feinde. Wenn wir keine Feinde mehr haben, können wir auch nicht definieren, wer die Freunde sind. Also müssen die Feinde am Leben bleiben; es muss immer Feinde geben. Die eigentlich Verstörenden, zumindest in der Moderne, sind die Fremden. Mithin diejenigen, die heute kommen und morgen bleiben.

I.K.: Auch die Mehrheit in Deutschland denkt, es gäbe zu viele Men­schen, die heute oder gestern gekommen sind und morgen immer noch da sein werden.

S.H.: Um dieser haltlosen Rede von der Überforderung etwas ent­gegenzusetzen, müssen wir vielleicht weniger lernen, Menschen als Feinde zu behandeln, als vielmehr verlernen, sie als Fremde zu sehen. Gleichzeitig gilt es zu definieren: Auf welcher Ebene reden wir über Feinde? Klar, der Staat hat immer Feinde definiert. Zum Beispiel war die RAF in den 1970er Jahren seitens des Staates ganz klar ein Feind. Viele Linken haben eher den Staat als Feind begriffen. Der Soziologe Karl Popper wurde in den 1960er Jahren mit seinem Buch berühmt: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Das waren aus seiner Sicht der Stalinismus und der Faschismus.

C.T.R.: Zygmunt Baumann hat die eindeutige, trennscharfe Freund-Feind-Unterscheidung als einen « behaglichen Antagonis­mus » bezeichnet. Das heißt, Feinde sind immer das, was « wir » nicht sind: das Gegenteil von « uns ». Diese Freund-Feind-Opposition war ein wirksames Mittel des modernen Ordnungsschaffens, mit dem das Richtige vom Falschen, das Gute vom Schlechten endgültig getrennt werden sollte: ein Mittel, das Eigene von allen Mehrdeutigkeiten zu säubern und schließlich der Ausrottungspolitik den Weg zu bereiten: « Wir » richten uns in unserer Identität, unserer nationalen oder völ­kischen oder sonst welchen Identität ein, wir können uns anmaßen zu definieren, wer dazu gehört und wer nicht, wer also unser vorab kategorisierter Feind ist. Feinde scheint man zu kennen. Das ist der Unterschied zum Begriff « Fremden ». Diese funken dazwischen. Sie irritieren die Identitäten, weil niemand weiß, ob sie sich als Freunde oder Feinde entpuppen werden. Was denken sie, was machen sie, was wollen sie, was haben sie vor? Man kann sie nicht einschätzen. Ihre Undurchschaubarkeit macht sie vielleicht für manche vorüber­gehend attraktiv, vor allem aber wirkt sie bedrohlich. Sie führt zu ungewohnten Verhaltensunsicherheiten, zum Verlust des Schlüssels, des Knowhow, um die Dinge ins Gewohnte einzuordnen. So wird zur Zeit alle Gewalt und Aggression mit Angst erklärt, mit einem Ver­trauensverlust in die Ordentlichkeit der vertrauten Welt.

I.K.: Mir sind Pegida-Anhänger_innen genauso wie völkisch gesinnte Landsleute sehr fremd, obwohl sie zu Deutschland und seiner Geschichte gehören. Mir scheinen sie eine offene, postmigrantische Gesellschaft und auch mich als Frau* und Feministin weit mehr zu bedrohen als die Neuankommenden.

C.T.R.: Meines Erachtens sind Pegida und Co. aber nicht als « Fremde » bedrohlich, sondern als tatsächliche Feinde, sie haben sich als Feinde eindeutig entlarvt. Wir können sie kennen oder meinen sie zu ken­nen. Dagegen verkörpern Fremdheit und Fremde eine Ambivalenz, von der wir nicht wissen, was sich hinter ihr versteckt. Es ist diese Unheimlichkeit, die sie von realen Feinden unterscheidet. Und diese Fremdheit, dieses Nichtwissen ist, wie z.B. Julia Kristeva gezeigt hat, nicht nur ein Kennzeichen der Neuankömmlinge. Das ist ein Pers­pektivwechsel, mit dem Fremdheit keine außergewöhnliche Zumu­tung wird, sondern eine Bedingung unserer Existenz in einer immer heterogenen Welt ist. Wir sind alle fremd! Wir tragen das Fremde auch in uns selbst. Wir sind in dieser Welt nicht heimisch in dem Sinne, dass wir Anspruch auf tadellosen Durchblick und sicheren Ort haben. Wir müssen oder wollen mit dieser Fremdheit leben, auch mit der eigenen Undurchsichtigkeit, statt die Fremdheit in eine bedroh­liche Außenwelt zu verlegen. Es gibt keinen Grund zu meinen, wir könnten diese Welt, uns selbst und andere Menschen wirklich durch­schauen. Ich bin jetzt schon so alt. Meine Generation stammt aus dem schrecklichen 20. Jahrhundert und hat den Nationalsozialismus und den Krieg und alles, was danach kam, miterlebt. Da ist ein Dau­erkummer und Dauerschreck geblieben, der nie vergeht. Ich meine, das ganze Leben war nicht unbedingt dazu angetan, sich wirklich « heimisch » zu fühlen. Ich konnte mich der Formulierung « Kein Ort, nirgends » immer ganz gut anschließen.

I.K.: Auch feministische Ideen boten keine Heimat?

C.T.R.: Natürlich war der Feminismus eine große Inspiration und Ver­änderung. Er war ein Ansiedlungs- und Verankerungsversuch, ein neuer Verstehensversuch. Und jeder Versuch zu verstehen hat zu tun mit einer Verankerung in der Welt: das heißt, dass wir hier zugehö­rig sind. Der Feminismus war ein Weg, diesen Ort zu finden. Das heißt aber nicht, dass die Fremdheit als eine Grundverfassung ver­schwunden ist. Das sehe ich aber nicht als Katastrophe an. Denn dass wir fremd sind, ist ein Faktum, eine Mitgift. Wir sind unfestgelegte, unfertige, offene Wesen, die immer wieder anfangen können, neu zu denken. Wir haben keinen Anspruch auf eine klar definierte Identität und Zuordnung und feste Definition dessen, was wir sind und was andere sind und wo und wie unsere « Heimat » ist. Jedenfalls nicht, wenn wir nicht völlig verdummen wollen.

I.K.: Die Verengung von Gegenwart auf das Vertraute bedeutet Verdummung?

C.T.R.: Ja, wer meint, Frauen mit Kopftuch gehören nicht hierher und Dresden ist die schönste Stadt der Welt und soll so bleiben, wie sie ist – dieser ganze Unsinn spiegelt vor allem den Anspruch, dass ein Ort in der Welt mein Ort sein soll, der so bleiben muss, wie ich ihn kenne. Und dass die Politik dafür zu sorgen hat, dass das so bleibt und dass ich so bleiben kann, wie ich bin, ebenso wie meinesgleichen – aber nur die. Und die anderen? Mit denen will man nichts zu tun haben, sofern sie nicht werden wie wir.

S.H.: Mit Hannah Arendt gesprochen: Feinde sind die, die das Recht der anderen, in der Welt zu sein, auch in meiner Welt zu sein, bestrei­ten. Dann sind in der Tat eher Pegida, die rechten Angriffe auf die Demokratie, die wir derzeit weltweit erleben, das Problem. Viktor Orbán ist mit seinem Referendum über « Flüchtlingsquoten » in Ungarn zwar jüngst gescheitert. Dennoch: 98 Prozent derer, die am Referendum teilnahmen, haben dafür gestimmt. 40 Prozent wären damit für Orbáns völkische Politik. Wir erleben ähnliches in Öster­reich oder in der Tschechischen Republik. Wir erleben es in Polen. Wir erleben es in Frankreich, wo wir womöglich im nächsten Jahr eine Präsidentin Marine Le Pen haben werden. Das sind ziemlich viele Feinde der Demokratie, der Gleichberechtigung, der gleich­berechtigten Teilhabe an Gesellschaft. Insofern würde ich Christina Thürmer-Rohr Recht geben. Wir brauchen ein schärferes Nach­denken über die Feinde der, wie Karl Popper es gesagt hat, offenen Gesellschaft, also über diejenigen, die die Welt für sich reklamieren und meinen, entscheiden zu können, wo sie die Zäune setzen dürfen und bestimmen können, wer mit ihnen innerhalb des Zaunes existie­ren darf.

C.T.R.: Wir können Feinde nicht einfach zum Verschwinden bringen. Sie sind da. Da hilft auch der Begriff « Diversity » nicht weiter, näm­lich das Zutrauen in eine Verschiedenheit, die wie eine schöne Blu­menwiese aussieht und mit sozialem Reichtum und ökonomischer Fruchtbarkeit gleichgesetzt wird. Das ist schön und gut, bagatelli­siert aber das Problem. Das führt zum Diskursinfarkt. Wir müssen klar sagen, worum es geht. Um ein Zusammenleben, das nicht ein­fach bunte Vielfalt ist. Das politische Prinzip der Pluralität setzt auch Grenzen, es verlangt einen Abstand zwischen allen, um das schwierige Zusammenleben zu bewältigen. Und es verlangt den Nachvollzug des Standorts anderer und ist mehr als Emotion und Empathie. Es geht um ein humanes Menschenbild, das Menschen erlaubt, nicht zu has­senden Ungetümen zu werden. Hannah Arendt hat den berühmten Satz von Sokrates « Es ist besser, Übel zu erleiden, als Übel zu tun » so interpretiert: niemand sollte mit einem Übeltäter oder Mörder zusammenzuleben. Denn Übel tun bedeutet, dass ich fortan mit mir als einer Übeltäterin zusammenleben müsste, d.h. mit einem inneren Gegenüber, das Gewalt und die ganzen Gemeinheiten zu meinem ständigen Begleiter machen würde. Und das würde den inneren Dia­log vergiften und unmöglich machen. Der Dialog mit sich selbst ist aber die Grundlage des Denkens überhaupt. Und da sollte ich nicht mit einem Feind, sondern mit einem Freund sprechen können, der mir zwar nicht nach dem Munde redet, aber ein freundschaftliches Verhältnis zu mir hat und mir in diesen ganzen wahnsinnigen Anta­gonismen und Fragen, die das Leben mit sich bringt, hilft.

I.K.: Ist es an dieser Stelle nicht wichtig, die Figur der Selbstkritik und der Mittäterschaft oder Mittäter*innenschaft mitzudenken? Ich finde, es greift zu kurz, wenn wir Pegida oder eben auch die frem­denfeindliche Partei Alternative für Deutschland (AfD) als Feinde deklarieren und uns nicht fragen: Wie haben wir als überzeugte Demokrat*innen dieses uns feindliche Denken und Handeln mitpro­duziert?

C.T.R.: Wir haben als Feministinnen nicht von Feinden gesprochen, auch nicht in der Anfangszeit des Feminismus, sondern von « Tätern ». Das ist kein Zufall. Wenn man von « Tätern » spricht, spricht man von Menschen, die Taten, Gewalt, Unrecht begangen haben. Dabei sind sie als Gesamtperson aber noch nicht zwangsläufig und vollkommen mit dieser Tat gleichgesetzt; Mensch und Tat bleiben unterschieden, denn Menschen können sich verändern. Sie können sich von ihren Taten emanzipieren, sie können sie bereuen. Ich glaube, es war gut, dass wir auf die Trennschärfe der Freund-Feind-Dichotomie verzichtet haben. Vor allem der Gedanke der Mittäterschaft von Frauen – ich meine übrigens nicht « Mittäter_innenschaft », sondern « Mittäterschaft », d.h. « mit dem Täter » – durchkreuzt die eindeu­tige Freund-Feind-Trennung. Da gibt es nicht die einen, die Frauen, die Guten, die Unbelasteten, und die anderen, die Männer, die das ganze patriarchale Unheil anrichten. Mittäterschaft meint, dass die unterdrückte Hälfte der Menschheit in der Lage war und ist, diese patriarchalen Taten zu unterstützen, zu billigen, zu vertuschen, ohne ihnen eine emanzipative Antwort entgegenzusetzen. Es war ein Versuch, Wege zu finden, um aus den Lawinen normativer und anderer Gewalt auszusteigen, d.h. nicht das Gleiche zu tun, auch nicht aus untergeordneter Position, sondern abweichende Antworten zu fin­den, etwas Anderes zu tun. Damals, Ende der 1980er Jahre, drehte sich alles um die Aufrüstung, um den Overkill West und Ost, auch um die Erschütterungen im ökologischen Bereich, Stichwort Tscher­nobyl. Hier mussten Alternativen gefunden werden, wir mussten etwas tun, das bisher noch niemand so richtig getan hatte: Wie Pilze schossen Frauenprojekte aus dem Boden, öffneten neue Orte und boten neue Formen der Kommunikation und der Freundschaften. Das war ein ungeheuer wichtiger Schritt. Von Tätern und Mittätern zu sprechen, war der Einsicht geschuldet, keine trennscharfe Unter­scheidung zwischen Freund und Feind machen zu können. Denn wir wussten ja, dass Frauen in der Lage sind, die ganzen verhängnisvollen Taten mitzutragen, wenn auch von einem nicht-dominanten Ort aus.

I.K.: Wir haben unser Gespräch damit begonnen, Denkräume auszu­loten, die ein Nachdenken über Feindschaft eröffnen kann. Nun kom­men Sie zu dem Schluss, dass die Dichotomie zwischen Freund und Feind zu schlicht sei. Feindselige, rassistisch und völkisch eingestellte Menschen indessen als Täter zu identifizieren, könnte auch jetzt einen angemessenen Umgang markieren. Das leuchtet mir ein. Denn dann stünden entsprechende Personen, Gruppen und Parteien in der Verantwortung und könnten sich nicht hinter einer vermeintlichen « Ich hatte eben Angst vor dem Fremden » verstecken. Gleichzeitig erscheint auch die sogenannte Mitte der Gesellschaft als Mittäter. Denn sie hat soziale Ungleichheit, Islamophobie und Rassismus ja immer auch mitgetragen und reproduziert. Welche Umgangsformen mit Feinseligkeit ergeben darüber hinaus Sinn?

C.T.R.: Ich denke, wir können auch die religiösen Aussagen zu Feind­schaft nicht überspringen, die ja auch zur abendländischen Tradition gehören, z.B. den neutestamentarischen Satz: « Liebet eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen. » Natürlich kann man sagen: Dieser Satz ist vollkommen naiv, Feinde kann man nicht lieben, das wäre die totale Überforderung. Aber in diesem Satz geht es wohl weniger um ein Gefühl, als darum, auch Feinde in das Prinzip des Nichtver­letzens und der Sorge einzubeziehen. Man soll den Zugang zu ihnen behalten. Ansonsten gab es nur einen hassenswerten Feind, das ist der Satan. Den haben wir nun nicht mehr, weil wir daran nicht glau­ben. Wir können das Böse also nicht an ihn delegieren. Wir müssen damit hier und jetzt zurande kommen. Interessant ist, dass Arendt nicht von Feindschaft gesprochen hat, sondern von dem « Bösen » – eine Steigerung und Abstrahierung des Feindbegriffs in eine quasi metaphysische Dimension. Das Böse am Beispiel von Adolf Eich­mann und dem Holocaust ist das, was nicht zu verzeihen, nicht gut zu machen und nicht zu verantworten und den Lebenden und Nach­lebenden nicht zuzumuten ist. Denn mit der Tatsache, dass Men­schen, eine Nazi-Clique, sich angemaßt haben zu entscheiden, wer die Erde bewohnen darf und wer nicht, kann niemand fertig werden, sie übersteigt unsere Verantwortungsfähigkeit. Das ist für Arendt das « Böse », ein Größenwahn, mit dem entschieden wurde, welche Menschen in der Welt anwesend sein sollen und welche nicht. Wir haben nicht zu entscheiden, welche Menschen bleiben und welche verschwinden sollen. Wir müssen mit den Anwesenden leben. Auch mit denen, die wir uns nicht ausgesucht haben, wie auch Judith But­ler nicht müde wird zu wiederholen. Wir haben hier keine Wahl. Wir können nicht wählen, wen wir passend oder unpassend finden, wir müssen uns zu allen verhalten.

S.H.: Aber ist dann nicht doch der Feind-Begriff die größere Heraus­forderung? Gerade weil wir, mit Judith Butler gesprochen, gerade denen gegenüber, die wir uns nicht ausgesucht haben, die wir uns niemals aussuchen würden, die wir also nicht zu unseren eigenen machen können und auch nicht machen wollen, dass wir gerade denen gegenüber verpflichtet sind? Dass wir also unseren Feinden gegenüber verpflichtet sind. Wir haben auch ihnen gegenüber nicht das Recht, ihr Recht, in der Welt zu sein, zu bestreiten.

C.T.R.: Wenn man das so sagt, geht man aber weiterhin davon aus, dass die Feinde etwas ganz Anderes sind als wir selbst.

S.H.: Das stimmt. Dann sollten wir nicht auf starke Wir-Sie-Unter­scheidungen setzen, sondern erkennen, dass es innerhalb derjenigen, die wir als Freunde definiert haben, auch Feinde geben kann. Und uns deshalb vor allem an Taten orientieren. Chantal Mouffe traf für mich eine ganz hilfreiche Unterscheidung. Sie sagt: Wir müssen das Freund-Feind-Schema transformieren in ein agonistisches Verhält­nis, in dem es unterschiedliche, einander entgegenstehende Sichtwei­sen geben kann und auch geben muss, auch um der Pluralität willen.

I.K.: Haben Sie eigentlich Lieblingsfeinde?

C.T.R.: Ob ich privat irgendwelche Feinde habe? Das weiß ich nicht. Ich habe mich im privaten Leben immer eher zurückgezogen, wenn ich mit jemanden nicht übereinkam. Aber auch aus dem politischen Feld könnte ich gerade keine Namen nennen. Früher war das anders: Ich habe ja mal in einer Band gespielt, sie hieß « Außerhalb ». In einem Song, das war 1980, kurz nach dem Nato-Doppelbeschluss, haben wir lauter Namen von Verantwortlichen aufgezählt. Der Song hieß: « We don’t need you »: Ronald Reagan, Jurij Andropov, Helmut Kohl, Erich Honecker, Menachem Begin, Caspar Weinberger, Pershing I, Pershing 2, Richard von Weizsäcker, Axel Cäsar Springer, Friedrich Zimmermann, Heinrich Lummer, Wilhelm Kewenig und der Bhag­wan und der Papst. Und dann kamen nur noch Vornamen: Ronald, Richard, Helmut, Cäsar, Henry, Friedrich, Werner, Lothar, Norbert, Wilhelm, Heinrich, Hans Dietrich, Karl, Peter, Jürgen, Michael usw. Wir haben die alle als Feinde nominiert. Heute würde ich das nicht mehr machen. Es geht darum, nicht in Hass zu verfallen und auch nicht in Angst.

I.K.: Als Philosophin und Musikerin haben Sie gemeinsam mit Ihrer Partnerin, der Pianistin Laura Gallati, Musik und Philosophie zusam­mengedacht. Sie haben an beide Disziplinen die gleichen Fragen gestellt. In welchem Verhältnis steht Musik oder Ihre Musik zu Kon­zepten wie Feindschaft oder Mittäterschaft?

C.T.R.: Es gibt natürlich Feindschaft gegen bestimmte Musiken. Und es gibt Musik, die Feindschaften unterstützt – z.B. Hass-Songs, Militärmusik, Marschmusik. Das kennen wir aus der NS-Zeit, wie Lieder die Leute aufgeputscht und den Hass verschärft haben. Natür­lich gibt es das. Musik ist ja nicht aus einer anderen Welt. Aber mich interessiert eine Musik, die dialogisch mit ihrem Material umgeht, mit den verschiedenen Tönen und Klängen. Als « Feinde » würden sie sich gegenseitig zerschlagen und kaputt machen. Als Kunstform folgt Musik m.E. eher einem dialogischen Prinzip, was Kontrover­sen nicht ausschließt. Für mich ist Musik ein unentbehrliches Mit­tel, um das nicht zu verlernen: nämlich die Freundschaft zu einer Welt, die von Menschen hergestellt ist. Die Musik fällt ja nicht vom Himmel – obgleich sie manchmal so klingt –, sondern sie ist von Menschen gemacht, Weisheit oder « Schönheit » im nicht-reaktionä­ren Sinn. Sie kann eine Lebensbegleiter*in sein, die einen versöhnt trotz aller grauenhaften Realitäten. Nicht um von ihnen abzulenken, aber um darauf zu bestehen, dass es auch etwas Anderes gibt und dass Menschen auch etwas Anderes können. Ich hoffe, dass ich noch lange Musik machen kann. Ich bin ja überhaupt nicht kirchlich oder religiös, aber ich gehe jede Woche in eine Kirche, weil nur da mein Instrument steht: die Orgel. Sie ist eine unglaubliche Erfindung, sie macht Räume weit und vielleicht auch irgendwie transzendent, das heißt, sie kann über die alltäglichen Hässlichkeiten und Schrecklich­keiten immer wieder hinwegheben. Eine Schönheit, die dazu führen kann, die Freundschaft zur Welt trotz ihrer Grausamkeit nicht zu verlernen.

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