Intersektionale Pädagogik: Jugendarbeit von i-päd

Intersektionale Pädagogik: Jugendarbeit von i-päd

Am 08.06.2017 fand die Tagung „Menschlich bleiben – Strategien im Umgang mit antifeministischen Angriffen auf Soziale Arbeit“ des Gunda-Werner-Instituts in Kooperation mit der AWO statt. Im Rahmen der Veranstaltung wurden mehrere Tagungsberichte von Stipendiat*innen und Praktikant*innen der Heinrich-Böll-Stiftung verfasst. Eine PDF dieses Berichts findet sich hier.

Urheber/in: Mila Araujo @Milaspage. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Zu den Workshopleiterinnen

Die beiden Workshopleiterinnen waren am Aufbau des Projektes i-päd seit August 2011 beteiligt, Tuğba Tanyılmaz ist Projektleiterin und Nurêy Özer Multiplikatorin in Workshops für Schulen. Das Projekt beschäftigt sich in Workshops mit Jugendlichen mit der Bildung von Identitäten und damit verbundenen Ausgrenzungen etwa aufgrund des Geschlechtes eines Menschen, der Herkunft, der Religion, der sexuellen Orientierung, der Geschlechtsidentität, dem sozialen Status, dem Alter, dem Aussehen oder körperlicher und geistiger Befähigungen. Dabei werden neben den Schüler*innen auch die Lehrer*innen und Erzieher*innen in den Prozess miteingebunden. Ziel des interdisziplinären Teams ist die Verknüpfung von Pädagogik und Politik sowie das Aufmerksam machen auf Ausgrenzung und Diskriminierung.

Der Begriff Intersektionalität

Zu Beginn des Workshops wurde der Begriff der intersektionalen Bildung vorgestellt. Hier handelt es sich einerseits um einen akademischen Begriff, der die Überschneidung von verschiedenen Diskriminierungsformen (z.B. wegen Migrationshintergrund und sexueller Orientierung) in einer Person beschreibt. In der Arbeit von i-päd wird vor allem mit der praktischen Definition des Begriffes gearbeitet, nämlich der Annahme, jeder Mensch müsse ganzheitlich betrachtet werden, um die Frage zu erörtern, ob eine vollkommene Gleichbehandlung aller möglich ist, oder ob diese bereits in jeder Form der Sozialisierung festgeschrieben ist.

Die Teilnehmenden und erste Orientierung

Um eine ergebnisorientierte Arbeit in dem Workshop möglich zu machen, stellten sich die Teilnehmenden mit Blick auf ihre praktische oder akademische Erfahrung im Bereich Jugendarbeit vor und berichteten von bereits erfahrenen antifeministischen Tendenzen. In der Gruppe fand sich ein hoher Anteil an Studierenden der Sozialen Arbeit, jedoch auch hauptberufliche Sozialarbeiter*innen in den Bereichen Jugendwohnen, Selbstverteidigung für Frauen, Arbeit mit Gewalttäter*innen, Arbeit mit von sexueller Gewalt betroffenen Frauen und Mädchen, Männlichkeitsreflexionen sowie der politischen Bildung. Nach einem kurzen Austausch in Kleingruppen ergaben sich folgende Fragen, welche intensiver besprochen wurden: Wie sollen Pädagog*innen mit -ismen umgehen? Welche Rolle spielt die Schule? Wie sollte die Erziehung sein – eventuell getrennter Unterricht? Welche Methoden bewähren sich im Umgang mit Diskriminierung? Kann Humor als Reaktion auf diskriminierende Sprache und Verhalten wirkungsvoll sein?

Umgang mit -ismen an Schulen

Wichtig ist, den Schüler*innen bewusst zu machen, dass jede*r auf eine gewisse Art diskriminiert wird und sich somit alle damit konfrontiert sehen, wenn auch die Gründe dafür unterschiedlich sind. Einer der wichtigsten Anknüpfungspunkte ist die von den Jugendlichen verwendete Sprache, die Workshops müssen auf Augenhöhe mit den Schüler*innen stattfinden. Weiterhin ist es wichtig, dass die Workshopteilnehmenden ein Bild davon haben, wie sie auf Andere (in diesem Zusammenhang auf die Lehrer*innen, die i-päd angeschrieben haben) wirken. Dafür kann es sinnvoll sein, den Schüler*innen die Anfragemail der Schule an i-päd vorzulesen, welche oft Begriffe wie „schwierige Klasse“, „sehr diskriminierend“ enthalten. Zu überlegen sei auch, wie man Humor am besten nutzen kann, um Situationen zu entschärfen.

Verwendung von Lehrmaterialien

Auch bei der Verwendung von Lehrmaterialien kann es zu einer oft wenig bewussteren Diskriminierung kommen – wenn etwa stets das „klassische Familienbild der Vater-Mutter-Kind-Familie“ dargestellt wird. Änderungen in den Büchern beginnen langsam, stoßen aber oft auf politische Kritik. Die Politisierung von Schulbüchern reicht bis in den Wahlkampf der Parteien, wo sie etwa von der AfD genutzt wird, um Parolen über den Kampf gegen „Gendermainstreaming“ und die Frühsexualisierung der Kinder zu entwerfen. Auch Lehrer*innen in mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern können indirekt auf die Wahrnehmung der Schüler*innen Einfluss nehmen. Als Beispiel wurden Textrechenaufgaben genannt, die sich etwa mit der Gemüsehändlerfamilie Müller und den Hausbesitzer*innen der Familie Öztürk beschäftigen.

In der Diskussion entwickelte sich zudem die Frage zur Politik gegenüber getrennten Klassen, etwa das muslimische geflüchtete Kinder anfangs in einer anderen Klasse unterrichtet werden sollen. In einer anderen Einteilung, einer Trennung in Mädchen- und Jungenklassen würde das binäre Geschlechtsmodell zusätzlich verstärkt werden. Antifeminismus und Feminismus nimmt in Schulen beides einen immer größeren Anteil an, wobei auch vor allem junge Frauen vom Feminismus als Thema abgeschreckt werden, da sie diesen als „Alice-Schwarzer-Kampffeminismus“ sehen und das Label „Feministin“ nicht von allen positiv aufgefasst wird. So stößt die Beschäftigung mit Feminismus in Schulen oft auf Widerstand. Hier müssen Begegnungsräume mit modernem Feminismus geschaffen werden und der Begriff stärker positiv konnotiert werden.

Externe Expert*innen im Unterricht

Ein weiterer Diskussionspunkt war die Integration von externen Expert*innen, etwa von pädagogischen Projekten mit Schwerpunkt Feminismus oder Homophobie in den schulischen Unterricht. Problematisch sei hierbei vor allem die Rolle der Workshopleiter*innen als Konfliktlöser*innen, die bereits bestehende Konflikte in den Klassen lösen sollen und somit „policing“ betreiben, anstatt präventiv arbeiten zu können. Wichtig ist jedoch bereits im Voraus, dass die Lehrer*innen sich um das Auflösen von Konflikten im Zusammenhang mit Diskriminierung und entstandenen Stereotypen im Schulalltag kümmern und nicht auf eine Eskalation warten. Ein eintägiger Workshop zur Homophobie löse nicht das tieferliegende Problem und sorge nicht dafür, dass danach alle Schüler*innen ihre Vorurteile und Antipathien ablegen. Hier muss es zu Koalition zwischen Lehrer*innen und externen Pädagog*innen kommen, um eine nachhaltige Lösung zu finden. Ein gegenseitiger, regelmäßiger Austausch auch zwischen den Lehrer*innen kann zu einer stabilen Lösung der Konflikte beitragen.

Cis* Gender

Im Rahmen der Diskussion um Geschlechteridentitäten kam in der Gruppe der Begriff cis*gender auf, welcher darauf vielschichtig diskutiert wurde. Nicht allen in der Gruppe war der Begriff vorher geläufig, da dieser vor allem in Fachdebatten und bestimmten Umfeldern Thema ist und noch nicht in den Alltag aller übergegangen ist. Ein Betreuer aus dem Projekt für Männlichkeitsselbstreflexion erklärte den Begriff dann folgendermaßen: cis* beschreibt das Gegenteil von Transgender und meint somit eine Person, bei welcher das Geburtsgeschlecht mit der Geschlechtsidentität übereinstimmt. Kann die Einführung eines neuen Labels, cis*, das gegenwärtige dominante Labeln von Minderheiten z.B. homosexuell, transgender vermindern?

Verwendete Sprache

Eine intensive Diskussion entwickelte sich auch bei der Frage nach der Sprache, die man in der Jugendarbeit am besten verwenden sollte. Wichtig ist die Einigung auf einen gemeinsamen Rahmen und das Reflektieren von verwendeten Wörtern und damit auch teilweise die Dekonstruktion von Begriffen wie „Hurensohn“. Jedoch sollte in Extremsituationen auch besonders darauf hingewiesen werden, wenn die Sprache zu sehr entgleitet, etwa durch Sätze wie: Denkst du nicht, deine Sprache ist menschenverachtend? Zum besseren Verstehen sollten außerdem die alltäglichen Begriffe und Erlebnisse der Schüler*innen miteinbezogen werden, z.B. die Aussage „Pink ist eine schwule Farbe“. Dahinter muss immer die Frage nach dem Warum stehen und wieso man diese Formulierung für sich verwendet und überzeugt ist. Die Coaches erwähnten zudem, dass sie oft mit dem Anspruch „street“ zu sein näher an die tägliche Lebenswelt der Schüler*innen herankommen. Neben dem Verwenden von Sprache müssen die Pädagog*innen aber auch bereit sein, in besten Situationen die „Ruhe auszuhalten“ und nicht immer sofort mit vielen Gedankenflüssen diese zu brechen, um sie nicht unangenehm werden zu lassen.

Reflexion des Workshops in der Abschlussrunde

Auch in die abschließenden Fishbowl-diskussionen flossen die Ergebnisse mit ein. Auch die Rolle und Identität der Coaches wurde zum Thema, ebenso die heutigen Probleme mit Sexismus und Diskriminierung auf mehreren Ebenen bleiben in der Sozialen Arbeit weiterhin Thema. Ein anderes Ergebnis des Workshops war die intensive Betrachtung der Sprache als wegweisend für eine Kommunikation in der Jugendarbeit, diese sollte sich unbedingt auf Augenhöhe mit den Workshopteilnehmer*innen abspielen.

Am 08.06.2017 fand die Tagung „Menschlich bleiben – antifeministische Angriffe auf die Soziale Arbeit“ des Gunda-Werner-Instituts in Kooperation mit der AWO statt. Im Rahmen der Veranstaltung wurden mehrere Tagungsberichte von Stipendiat*innen und Praktikant*innen der Heinrich-Böll-Stiftung verfasst. Eine PDF dieses Berichts findet sich hier.

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