Rohe Männlichkeit

Woche für Woche trägt die Pegida-Bewegung in Dresden Rassismus auf die Straße, und das seit über drei Jahren. Frauenverachtung und Antifeminismus gehören fest dazu. Das wird wenig beachtet und verstanden. Aber es verändert das gesellschaftliche Klima dramatisch.

Pegida Sammlung in Dresden
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Pegida Sammlung in Dresden

Frauenrechtler im Abendland

Die Pegida-Bewegung war 2014 nach eigener Aussage angetreten, um das „christlich-jüdische Abendland“ (später nur noch christlich) gegen „die Islamisierung“ zu verteidigen. Als rassistische Bewegung – die nicht rassistisch verstanden werden wollte, sondern als besorgtes, demokratisches und verängstigtes Volk – brachte sie anfangs moderne westliche Werte gegen eine vermeintlich zurückgebliebene islamische Kultur in Stellung. Dazu gehörten die Frauenrechte. Im 19-Punkte-Papier bekannte Pegida sich zur „sexuellen Selbstbestimmung“ und behauptete, nur eine Kritik an der frauenfeindlichen islamistischen Ideologie zu haben,[1] keineswegs etwas gegen Muslim*innen. Gleichzeitig, nämlich im selben 19-Punkte-Papier, stellt Pegida sich „gegen dieses wahnwitzige 'Gender Mainstreaming', auch oft 'Genderisierung' genannt, die nahezu schon zwanghafte, politisch korrekte Geschlechtsneutralisierung unserer Sprache!“[2] So wurden die Rechte von Frauen und Homosexuellen als Instrumente benutzt, um ein vermeintlich fortschrittliches Argument gegen den Islam zur Hand zu haben.

Frauenrechte und sexuelle Selbstbestimmung dienten Pegida von Anfang an nur als Bausteine für ihre schein-demokratische Fassade. Gleichzeitig wetterten die Redner*innen schon gegen konkrete Maßnahmen für Gleichberechtigung und gegen alle Rechte von Frauen und Homosexuellen, die ihnen zu viel erschienen – nach dem Motto: „Ich entscheide, wann du gleichberechtigt bist.“ Pegida liegt an Frauenrechten nichts, im Gegenteil: Die Bewegung bekämpft Frauen, die für ihre Rechte einstehen, sie hetzt gegen Feminist*innen und sie bedroht Frauen, die sie als politische Feindinnen ansieht.

Feindbild Flüchtlingshelferin und Gegendemonstrantin

Während antifeministische Hetze in den Reden des Organisationsteams anfangs nicht im Zentrum stand, waren die verbalen Angriffe auf Gegendemonstrantinnen schon 2014 brutal sexistisch und antifeministisch. „Hoffentlich vergewaltigt dich der nächste Islamist“ und „dann mach doch selbst die Beine breit für die 'Asylanten'“ sind Beleidigungen der politischen Gegnerin wegen ihres Engagements. Solche Aussagen enthalten aber auch eine Drohung, die heißt: „Ich akzeptiere dich nicht als gleichberechtigte politische Gegnerin, ich erkenne deine Würde und Selbstbestimmung nicht an und ich wünsche dir, dass du mit deinem Körper bezahlst.“ Die Gegendemonstrantin – die antirassistische/feministische Frau – soll als Verräterin bestraft werden. Dahinter steckt wohl auch die Fantasie, Frauen durch sexualisierte Gewalt züchtigen zu können.[3]

Absurder Nebenschauplatz: Gerade zu den Anfangszeiten von Pegida forderten viele öffentliche Personen in Sachsen, Pegida nicht auszugrenzen und mit den Teilnehmenden den Dialog zu suchen.[4] Systematisch wurde dabei übergangen, dass kein*e Bürger*in für die vermeintlichen Sorgen derjenigen zuständig ist, die sie beleidigen und bedrohen oder sich damit einverstanden zeigen, indem sie an Versammlungen teilnehmen, Angriffe verharmlosen und Hetzreden bejubeln. Von Anfang an haben uns sächsische Konservative aufgefordert, jene nicht zu kritisieren, die uns öffentlich demütigen wollen. Rassismus wird mit Verständnis begegnet, während wir uns nicht so anstellen sollen.

Gender-Gaga und Gummimuschis

Mit Tatjana Festerling als Rednerin rückte Anfang 2015 das Thema Antifeminismus ins wöchentliche Repertoire bei Pegida. Festerling verbreitete wahnwitzige Thesen von bösen „Gendertanten“, die Gummimuschis und Plüschpimmel an Schulen verteilen wollen,[5] um das Projekt „Frühsexualisierung“ voranzutreiben – also Kinder zwanghaft zur Sexualität anzuregen.[6] Aufklären über geschlechtliche Vielfalt gilt als „Umerziehung“ zur Homosexualität. Wer Kinder über Sex aufklärt, gilt als pervers.

Tatsächlich handelt es sich um einen Angriff auf feministische Errungenschaften wie Sexual-Aufklärung, die doch so wichtig ist für Gesundheit, Selbstbestimmung und Genuss. Pegida macht mit bei antifeministischen Kampagnen gegen Gleichstellungsmaßnahmen, Frauenförderung, Aufklärung über sexuelle Orientierungen und Identitäten und über Sex.

Vom Frauenkörper zum Volkskörper

Ein Jahr später vollendet Festerling die Nationalisierung des Frauenkörpers. Der – stets rassistisch als Fremder eingeordnete – Vergewaltiger versuche gezielt seine Gene in die deutsche Nation „einzupflanzen“.[7] Vergewaltigung ist hier kein Angriff auf Freiheit und Unversehrtheit der einzelnen Frau, sondern ein Angriff auf die Ehre „des Volkes“ und dessen „biologische Reinheit“.

Wieder wird das Frauenrecht als Begründung für den Rassismus vorgeschoben. Am Ende aber zählt die Frau als Individuum in solch völkisch-nationalistischem Denken nichts: Ihr Körper soll der Nation dienen, und als solcher ist er rassistischen Reinheitsvorstellungen unterworfen. Schlussendlich geht es gar nicht mehr um mögliche reale Opfer von Vergewaltigung: Festerling malt in ihrer Rede das Bild einer „vergewaltigten Nation“. Die Nation wird zum Frauenkörper umgedeutet, die Körper der Frauen sollen ihrerseits in der Nation aufgehen.

Vor der Bundestagswahl im September 2017 veranstalteten Pegida und AfD eine Art gemeinsame Kundgebung. Heiko Hessenkemper, Professor an der Bergakademie TU Freiberg und inzwischen AfD-Bundestagsabgeordneter, sprach auf die gewohnt rassistische Weise über Vergewaltigung:

„Wir haben 15 bis 20 durchschnittliche Vergewaltigungen am Tag durch Nicht-Deutsche im Bundesdurchschnitt, das ist unglaublich!“ Zur Antwort hört man Männerstimmen einen Sprechchor rufen: „Schande! Schande!“[8]

Geht es hier überhaupt noch um Frauen? Geht es hier noch um Vergewaltigung?

Was längst verhandelt wird, wenn auch nicht offen unter diesem Namen, ist das Konzept der „Rassenschande“. Das ist brandgefährlich, besonders für alle People of Color. Die Gemeinschaft fordert den Zugriff auf die Sexualität und die Beziehungen der Einzelnen. Das geht sie nichts an!

„My body, my choice“ – Feministische Basics verteidigen

Antifeminismus und Sexismus bei Pegida müssen im Zusammenhang mit Rassismus verstanden werden und als die Bedrohung, die sie sind. Aufklärung, sexuelle Selbstbestimmung, Freiheit der sexuellen Orientierungen, Rechte und körperliche Unversehrtheit von Frauen – feministische Basics werden von Antifeminist*innen dauernd angegriffen. Diese Basics sind nicht verloren, aber sie müssen verteidigt werden. Und: Man darf weiter darüber lachen, dass Gummimuschis mancher Leute größte Ängste sind.

 


[2] Siehe ebd. „Genderisierung“ erschien vielen im Jahr 2014 als lächerlicher Nebensatz zwischen all den rassistischen Forderungen. Inzwischen mobilisieren Rechte dauerhaft und erfolgreich mit dieser Floskel gegen geschlechtliche und sexuelle Vielfalt, Anerkennung und Aufklärung.

[4] Vgl. dazu Barp, Francesca/Eitel, Hannah (2016): »Weil die Mitte in der Mitte liegt. Warum Pegida mit dem Extremismus-Paradigma nicht zu erklären ist und es zur Verharmlosung der Bewegung beiträgt.« In: Tino Heim (Hg.): Pegida als Spiegel und Projektionsfläche. Wechselwirkungen und Abgrenzungen zwischen Pegida, Politik, Medien, Zivilgesellschaft und Sozialwissenschaften, Wiesbaden, Springer VS, S. 111-142.

[5] Tatjana Festerling bei Pegida Dresden am 9.3.2015, https://donotlink.it/nXQy

[6] „Frühsexualisierung“ ist inzwischen ein fester Bestandteil der Bundesprogramme der AfD und vieler Landesprogramme. Als parlamentarische Kraft kann die AfD die Förderung von Sexual-Aufklärung künftig auch im Parlament angreifen.

[7] Tatjana Festerling bei Pegida Dresden am 13.04.2016, https://donotlink.it/2Jxj