„Wir sind vom Sinn unserer emanzipatorischen Arbeit überzeugt.“

Elke Lieback, Geschäftsführerin Pro Familia Landesverband Thüringen e.V. spricht mit Gitti Hentschel über Angriffe auf sexualpädagogische Veranstaltungen, steigenden Rechtfertigungsdruck und warum der Kampf für feministische Errungenschaften weiter wichtig ist.

Lesedauer: 4 Minuten
Freedom of Choice - Freiheit
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Freedom of Choice: Bei Pro Familia geht es um das Recht für jede*n, sich selbst frei entscheiden zu können

Erleben Sie im Zuge der rechtspopulistischen Aktivitäten gegenüber ehemaligen feministischen Errungenschaften auch Angriffe auf Ihre Einrichtung, einzelne Beratungs-bzw. Anlaufstellen oder sind Mitarbeiter*innen denen ausgesetzt?

Ja, es werden Schwangerschaftsabbrüche mit Kindesmord verglichen. Sexualpädagogische Veranstaltungen werden von AFD und konservativen Kirchengruppen angegriffen. Im Jahr 2017 gab es Flugblätter gegen pro familia und namentlich darauf genannte Mitarbeiter*innen, die in der katholischen Kirche ausgelegt wurden. Schulen, in denen sexualpädagogische Veranstaltungen durch pro familia stattfinden, müssen sich rechtfertigen. Es gibt schriftliche Beschwerden gegen Inhalte der sexualpädagogischen Veranstaltungen bei uns, im Kultusministerium, in der Schule.

Wie gehen Sie als Einrichtung damit um? Wie die einzelnen Mitarbeiter*innen; was sind die bevorzugten Reaktionen?

Als Geschäftsführerin spreche ich mit den betroffenen Mitarbeiter*innen und interveniere dagegen bei der Schule bzw. Kultusministerium. Mit den Gegner*innen setze ich mich nur auseinander, wenn sie schriftliche Beschwerde bei uns einreichen, in dem Sinne, dass ich Bezug nehme auf den Thüringer Bildungsplan, sexualpädagogische Konzepte analog der BzGA.

Würden Sie sagen, diese Angriffe bzw. Anfeindungen haben Einfluss auf Ihre Arbeit(sweise) bzw. auf die einzelnen Mitarbeiter*innen?

Nein. Wir sind vom Sinn unserer qualitativen und emanzipatorischen Arbeit überzeugt.

Haben Sie als Einrichtung gezielt Gegenmaßnahmen und Gegenstrategien entwickelt?

Das Leitungsgremium wird dazu einen moderierten Workshop in Anspruch nehmen, in dem das Ziel zu klären ist: „Wie gehen wir zukünftig mit Angriffen auf Fachthemen und Sexualpädagogik und selbstbestimmte Sexualität um“.

Pro Familia hat sich im Zuge der feministischen Bewegungen der 70er Jahre ff. aktiv für die Liberalisierung des damaligen § 218 in der Bundesrepublik Deutschland eingesetzt, auch als Protest gegen die Bevormundung von Frauen und die Vereinnahmung des weiblichen Körpers durch die Politik. Hat diese Geschichte für Sie heute noch Bedeutung?

Ja, als „Ostfrau“ bin ich mit der §219-Lösung nicht zufrieden. Gleichzeitig bedienen wir in Thüringen durch den Kinder- und Jugendschutzdienst in Weimar einen Bereich für besondere Beratungsangebote. Hier werden Mädchen und Jungen beraten und begleitet, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Dadurch werden uns Lebensgeschichten offenbart, in denen Mütter und Väter selber Gewalt erfahren haben oder selber ausführen. Wir sind in einer ständigen emanzipatorischen Auseinandersetzung mit Geschlechterbildern, selbstbestimmter Sexualität und dem gewaltfreien Umgang mit Sexualität.

Welchen Stellenwert messen Sie der Verteidigung feministischer Errungenschaften heute bei – was heißt das für Sie auch mit Blick auf die gesamte Gesellschaft?

Leider muss ich ein Resümee ziehen, dass sich seit 1990 - seitdem beschäftige ich mich ausgiebig mit feministischen, emanzipatorischen Errungenschaften - der Kampf dafür nicht verringert hat. Manche Ansichten im Rahmen der Gleichberechtigung oder Anerkennung von „Frauenthemen“ sind wesentlich besser geworden. Bei anderen, Familienthemen, erlebe ich Stagnation oder gar Rückschritte. Gewalt an Frauen und Mädchen kann immer noch stattfinden und unterliegt nach wie vor einer kritischen Betrachtung und schwierigen Beurteilung.

Ihre Beratungsstellen bieten auf Ihrer Website zahlreiche Angebote rund um Familienplanung, Schwangerschaften und Konfliktberatung an, ebenso wie zu sexueller Bildung. Nicht aufgeführt sind explizit Informationen zu Problemen von Schwangerschaftsabbruch, sexualisierter Gewalt, zu Themenfeldern wie sexueller Identitätsfindungen und Probleme etc. Gibt es dafür spezifische Gründe?

Sexualisierte Gewalt thematisieren wir ausdrücklich im Kinder- und Jugendschutzdienst Känguru und der Fachambulanz für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit sexuell übergriffigem Verhalten. Informationen zu Schwangerschaftsabbruch (§219a) darf nicht beworben werden, wird aber im Rahmen der Schwangerschaftskonfliktberatung mit den Frauen und Familienangehörigen besprochen. Außerdem haben wir biko, Angebot für kostenlose Verhütung in Erfurt und Altkreis Artern. In der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern in Erfurt beraten wir Menschen in familiären Krisensituationen der verschiedensten Arten. Wir haben außerdem eine Therapeutische Ambulanz für Straftäter, in der Beratung und Begleitung nach langen Haftstrafen stattfindet.

Idendititätsfindungen usw. werden in allen Beratungsformen aufgenommen und an speziell ausgebildete Kolleg*innen vermittelt (Sexualtherapie, Sexualpädagogik) und ist auch in den sexualpädagogischen Veranstaltungen Thema.

 

Das Gespräch führte Gitti Hentschel im Februar / bearbeitet April 2018