Wie Frauen die Vertreibungskrise im Sudan erleben: „Wir versuchen, wieder wir selbst zu werden.“

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Die Vertreibungskrise im Sudan, von der mehr als 14 Millionen Menschen betroffen sind, spitzt sich weiter zu. Faktoren wie Geschlecht, soziale Schicht, sexuelle Orientierung, ethnische Zugehörigkeit und Zugang zu Schutz beeinflussen individuelle Erfahrungen von Vertreibung, Überleben und Resilienz.


 

Eine Frau auf einem Motorrad, auf dem sie einen Sack transportiert, Ortsansicht und Details in Nzara im Suedsudan.

Als vor mehr als drei Jahren der Krieg in Khartum ausbrach, stand Fatima Siddig kurz vor Abschluss ihres Krankenpflegestudiums. Ihre Ausbildung endete abrupt - wie für viele Student*innen im Sudan. Fatima floh zuerst in den Norden des Landes, nach Wadi Halfa. Aber vier Monate später wurde die Gegend von Überschwemmungen getroffen und sie musste erneut fliehen. Nicht nur der Krieg, auch Klimakatastrophen, Lieferengpässe, Ausbruch von Krankheiten oder der Zusammenbruch von Versorgungssystemen bestimmen, wo Menschen bleiben können und wann sie erneut vertrieben werden. Fatima landete in den folgenden Wochen an vier neuen Orten. „Jeder Ort fühlte sich vorrübergehend an,“ sagt sie. Die Sicherheitslage ließ nie zu, dass sie sich niederlassen konnte.

Dieser Artikel wurde vom Selbstlaut Kollektiv organisiert und redigiert – einem Zusammenschluss von Journalist*innen, die gemeinsam arbeiten, recherchieren und Aufträge annehmen. Statt Konkurrenz und Vereinzelung setzt das Kollektiv auf Solidarität, Austausch und gegenseitiges Empowerment und das ohne Hierarchien, sondern auf Augenhöhe.

Selbstlaut steht für einen Journalismus, der machtkritisch, klischeefrei und kollaborativ ist. Die Mitglieder recherchieren international und wurden vielfach ausgezeichnet. Mit ihrem Anspruch, marginalisierte Perspektiven sichtbar zu machen und bestehende Machtverhältnisse kritisch zu hinterfragen, passt die Arbeitsweise des Kollektivs besonders gut zu den queerfeministischen Inhalten des Gunda-Werner-Instituts.
 

Fatimas Geschichte ist eine von Millionen. Mit Beginn des Krieges zwischen den sudanesischen Streitkräften (SAF) und den Rapid Support Forces (RSF) im April 2023, entwickelte sich im Sudan die weltweit größte Vertreibungskrise, die bis heute andauert. Mehr als 14 Millionen Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Darunter sind rund neun Millionen Binnenvertriebene und über vier Millionen, die in angrenzende Nachbarstaaten geflohen sind. Der Krieg kostete etwa 150.000 Menschen das Leben, wobei die Zahl nach internationalen Einschätzungen wahrscheinlich deutlich höher liegt. Zudem sind 19,5 Millionen Menschen von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen, Teile von Darfur und Süd-Kordofan stehen kurz vor einer Hungersnot.

Im Krieg und bei Vertreibungen gehören Frauen zu den am stärksten gefährdeten Gruppen. „Die Angst war immer da,“ sagt Fatima. Auf einer ihrer Routen stoppten Kämpfer der RSF den vorrausfahrenden Bus und verlangten nach den Frauen darin. Als Fatimas Bus an der Reihe war, sammelten die Passagiere Geld und bezahlten die RSF-Kämpfer, um weiterfahren zu können. Es war nicht das einzige Mal, dass Fatima an Checkpoints Geld zahlen musste. Außerdem, erinnert sie sich, war es unmöglich, grundlegende Hygieneartikel zu bekommen, 

einfache Dinge wie Menstruationsbinden gab es nicht.

Gleichzeitig sind es vor allem Frauen, die sich organisieren, um die Krise zu bewältigen. Laut UN Women sind von Frauen geführte Gruppen zentral für lokale Überlebensstrategien im Sudan. Fatima sagt, wo auch immer sie hinkam, seien ihr Frauen begegnet, die aus dem Nichts wieder einen Alltag aufbauten. Lehrerinnen, die trotz allem weiter unterrichteten, Frauen, die Gemeinschaftsküchen und provisorische Unterkünfte organisierten. Freiwillige, die in die Lücken fehlender staatlicher Institutionen traten. „Ich habe gesehen, wie Menschen auf die wunderbarste Weise Solidarität praktizieren,“ sagt sie. 

Dieser Krieg hat neue Familien geschaffen.

Oft übernehmen Frauen alltägliche Verantwortungen. Sie besorgen Lebensmittel, kümmern sich um Kinder, unterstützen ältere Angehörige und suchen nach Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Immer wieder aufs Neue navigieren sie Umsiedelungen zwischen Orten, die kaum Stabilität bieten. Im vierten Jahr des Krieges nehmen diese Aufgaben weiter zu, während verfügbare Ressourcen dafür immer knapper werden.

Im Oktober letzten Jahres kam Fatima nach einer neun Tage andauernden Reise nach Dilling in Süd Kordofan. Die Stadt wurde belagert und die dramatische Lage verschlechterte sich zunehmend. Es kamen kaum Waren hinein. Familien mussten sich von dem ernähren, was sie selbst anbauen konnten, oder auf Pflanzen und Nahrungsmittel zurückgreifen, die eigentlich nicht für den menschlichen Verzehr gedacht sind. Fatima beschloss, sich medizinischen Freiwilligen anzuschließen, die in der Gegend aktiv waren. Sie behandelte Kinder, die an Unterernährung und Lebensmittelvergiftungen litten. 

Es gab Wochen, in denen fast jeden Tag ein Kind starb,

sagt sie. Und keine Möglichkeit, dem Ausmaß der Not gerecht zu werden. „Als Krankenpflegeschülerin verstand ich zwar, was vor sich ging, aber als Freiwillige hatte ich fast nichts zu bieten. Es gab kaum noch medizinische Ressourcen.“

Fatima kontaktierte sudanesische Solidaritätsnetzwerke im Ausland, wie die feministische Gruppe „kandakat4sudan“ in Berlin. So kam in einer Zeit, in der Gewalt und Versorgungsengpässe zunahmen zumindest etwas Unterstützung nach Dilling. Mit einem Teil davon konnten vier von Frauen geführte Familien evakuiert werden. Heute, zurück in Khartum, misst Fatima den Wert der Solidarität noch immer an diesen Familien. In einem Konflikt, der von überwältigenden Zahlen geprägt ist, erinnert sie sich an vier Mütter und ihre Kinder, denen die Flucht aus einem umkämpften Gebiet gelang.

Nach jahrelanger Vertreibung hat Fatima ihr Studium der Krankenpflege wieder aufgenommen. „Ich hoffe, dass ich meinen Abschluss machen kann,“ sagt sie. Trotz anhaltender Herausforderungen weiß Fatima, dass sie mehr Glück hat als andere Frauen, die ihr Leben nicht wieder neu aufbauen können.

Gewalt gegen Frauen

Frauen und Mädchen sind im anhaltenden Krieg besonderen Risiken ausgesetzt. Der Zusammenbruch von etwa 70% der Gesundheitseinrichtungen erhöht für Mütter nach der Geburt das Risiko, zu sterben.

Zudem sind Frauen am stärksten von geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen. UN-Organisationen und lokale Frauengruppen haben seit Ausbruch der Kämpfe im April 2023 hunderte Fälle von Vergewaltigung, Gruppenvergewaltigung, sexueller Versklavung, Entführung, Zwangsheirat und anderen Formen konfliktbedingter sexualisierter Gewalt dokumentiert.

Berichte über Überlebende dieser Gewalt gibt es aus verschiedenen Teilen des Landes, allerdings lässt sich das volle Ausmaß der Übergriffe nur schwer dokumentieren. Betroffene sind Stigmatisierungen ausgesetzt, haben nur eingeschränkt Zugang zu Gesundheitsversorgung und es mangelt an sicheren Meldemechanismen. Darüber hinaus erschweren aktive Kampfhandlungen den Zugang für humanitäre Helfer und somit auch die Dokumentationsbemühungen. Seit 2025 wurden mindestens 330 Fälle konfliktbedingter sexualisierter Gewalt dokumentiert. Menschenrechtsgruppen und sudanesische Frauenorganisationen gehen jedoch davon aus, dass die tatsächliche Zahl weitaus höher liegt.

Hilfsorganisationen und UN-Vertreter*innen bezeichnen sexualisierte Gewalt als Kriegstaktik. Im März 2026 erklärte die Vertreterin des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) im Sudan, diese werde als „Form der Kriegsführung“ eingesetzt.

Dieses Muster ist nicht neu: Internationale Untersuchungen zeigen, dass in Darfur sexualisierte Gewalt schon im Jahr 2003 weit verbreitet war. Verübt wurde sie im Zusammenhang mit Angriffen sudanesischer Regierungstruppen und Janjaweed-Milizen, die sich später neu organisierten und in die heutigen RSF eingliederten. Die Gewalt war Teil einer ethnischen Säuberungskampagne, die in Darfur zu Massenvertreibungen und der Zerstörung ganzer Gemeinden führte.

Sogar in Strukturen, die eigentlich Schutz bieten sollen, kommt es immer wieder zu Missbrauch. Die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) bestätigte im Juni Vorwürfe sexueller Ausbeutung und sexuellen Missbrauchs in 59 Fällen, darunter Minderjährige, durch Mitarbeiter in Flüchtlingslagern im Tschad. Laut Veröffentlichungen der Nachrichtenagentur AP erklärte MSF in einem internen Memo, dass die tatsächliche Zahl wahrscheinlich höher sei.

In El Fasher wurden seit der Machtübernahme durch die RSF im Oktober 2025 zahlreiche Frauen auf Märkten, Straßen und in Lagern festgenommen. Oft werden sie verdächtigt, mit oppositionellen Kräften zusammenzuarbeiten, ohne dass es dafür Beweise oder Gerichtsverfahren gibt. Laut dem SIHA-Netzwerk (Strategic Initiative for Women in the Horn of Africa) sind derzeit etwa 250 Frauen im Shalla-Gefängnis in El Fasher und über 600 Frauen und Mädchen im Korea-Frauengefängnis in Nyala inhaftiert. Andere werden vermisst. Ihre Familien suchen nach ihnen.

Übersehen: Geflüchtete aus der LGBTQI+ Community

Bedarfskategorien humanitärer Hilfe sind oft weit gefasst. Dabei lässt sich das Leben Vertriebener selten eindeutigen Kategorien zuordnen. Gewalt und Überleben sind nach wie vor von bestehenden Hierarchien geprägt. Diese beeinflussen, wer Risiken ausgesetzt ist und wer Zugang zu Versorgung und Sicherheit erhält. Viele Menschen, die nicht in vorherrschende Geschlechterkategorien passen, entscheiden sich zu ihrem eigenen Schutz dafür, unsichtbar zu bleiben. Das erschwert, ihre Erfahrungen und Bedürfnisse zu verstehen und zu dokumentieren.

Mareel, queere sudanesische Aktivistin, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte, sagt: „Der Krieg hat die ohnehin prekären Lebensumstände vieler queerer Sudanes*innen verschärft.“ Menschen der LGBTQI+ Community werden im Sudan nicht anerkannt und diskriminiert, Homosexualität steht unter Strafe.

Dennoch konnten sich queere Menschen in Mareels Umfeld, das sich zur Mittelschicht zählt, informelle Räume schaffen. Hier konnten sie sich fernab der Kontrolle durch die Familie mit ihrer Identität auseinandersetzten und eine Gemeinschaft aufbauen. „Als der Krieg ausbrach, verschwanden diese Räume sofort“, sagt Mareel.

Zudem bestimmten Faktoren wie die soziale Schicht und wirtschaftliche Lage, ob und wie Menschen eine Krise bewältigen können, sagt sie. Manche konnten auf unterstützende Netzwerke zurückgreifen und an Orte gehen, wo sie ein gewisses Maß an Privatsphäre bewahren konnten. Andere waren gezwungen, ihr Erscheinungsbild anzupassen. „Ich wusste, dass ich weniger queer wirken musste,“ sagt Mareel. An Checkpoints, in Gastgemeinschaften oder wenn sie unbekannte Städte durchquerte, habe sie längere Kleidung getragen, ihre Piercings entfernt und ihr kurzes Haar unter einem Kopftuch versteckt. Um sich sicherer bewegen zu können, achtete sie auf ihren Körper und den Klang ihrer Stimme.

Andere hatten mit gravierenderen Folgen zu kämpfen. Trans-Personen, die sich mitten in einer Transition befanden, verloren den Zugang zu Hormonbehandlungen und zur Versorgung von sexueller und reproduktiver Gesundheit. 

Viele queere Sudanes*innen zogen bei Verwandten ein oder mussten plötzlich die finanzielle Verantwortung für ganze Haushalte übernehmen. Dadurch blieb ihnen kein Raum für Privatsphäre, die Entwicklung ihrer Identität, oder Selbstentfaltung. Einige mussten in ein Umfeld zurückkehren, in dem sie schon vor dem Krieg Gewalt und Ausgrenzung erfahren hatten.

„Die Vielfalt der Menschen wird von humanitären Hilfsmaßnahmen derzeit nicht berücksichtigt“, sagt Mareel. Sudanes*innen der LGBTQI+ Community blieben innerhalb der Hilfssysteme oft unsichtbar, obwohl sie während der Vertreibung mit besonderen Herausforderungen konfrontiert sind. Dadurch bleibt vielen der Weg zur Hilfe versperrt. Notwendig wären Maßnahmen, die neben den unmittelbaren humanitären Bedürfnissen auch die ungleichen Voraussetzungen und Vulnerabilitäten der Menschen berücksichtigen.

Der Krieg hat queere Sudanes*innen genauso vertrieben, wie alle anderen. Er hat ihnen zudem die sicheren Orte genommen, in denen sie sie selbst sein konnten. „In die Vertreibung haben wir uns selbst mitgenommen“, sagt Mareel. „Egal, wie lange es dauert – wir versuchen, wieder wir selbst zu werden.“