Von bedrohten Kindern und besorgten Eltern - Wie Kinder und Kindeswohl in rechtspopulistischen Argumentationen instrumentalisiert werden

Von bedrohten Kindern und besorgten Eltern - Wie Kinder und Kindeswohl in rechtspopulistischen Argumentationen instrumentalisiert werden

Rechte und antifeministische geschlechter-, familien- und sexualpolitische Forderungen drücken ein Bedürfnis nach einer autoritär eingerichteten Welt aus. Der Bezug auf die Kinder und das Kindeswohl stellt einen zentralen Mobilisierungsfaktor dar. Die Begriffe Familie und Sexualität sollen neu besetzt und liberale Errungenschaften zurückgedrängt werden.

Ein Demonstrant hält ein Schild hoch, auf dem steht: Besiegt Kinder-Sex-Parteien, chüler-Sex-Chaoten, Eltern-Verächter
2014 "Demo für Alle" in Stuttgart — Bildnachweise

Das Kind als emotionales Druckmittel

Kinder sind unbedingt zu schützen vor Gewalt, Ausbeutung und Gefahr. Auf diese Forderung können sich sicher die meisten Menschen einigen. Weniger offensichtlich ist, dass eine solche Forderung und damit die emotionale Ansprache über das Kindeswohl auch benutzt werden kann, um rechtskonservative und reaktionäre (wie rassistische und völkische) Formen der Familien- und Geschlechterpolitik durchzusetzen. Die Indienstnahme der Kinder / des Kindeswohls im Rahmen (neu)rechter politischer Strategien soll im Folgenden nachgezeichnet werden.

Aktuelle Formen des Antifeminismus drücken sich auch in den neueren Angriffen auf Gender, sexuelle Vielfalt und Sexualaufklärung aus. Diese argumentieren gerade in der rhetorischen Verklammerung der drei Themen häufig mit dem Schutz der Kinder. Meine These ist, dass sich in dieser spezifischen Form (neu)rechter Geschlechter-, Familien- und Sexualpolitik ein Bedürfnis nach einer autoritären Einrichtung der Welt ausdrückt und dass der Bezug auf die Kinder und das Kindeswohl hierbei einen zentralen Mobilisierungsfaktor darstellt. Rechte Akteur_innen versuchen die Begriffe Familie und Sexualität neu zu besetzen und wollen liberale Errungenschaften zurückdrängen.

In der Vergangenheit versuchten rechtsextreme Gruppen bzw. Parteien (NPD) bereits den Diskurs um Pädophilie bzw. die Angst der Eltern vor sexuellen Übergriffen für sich zu nutzen. Über den propagierten Schutz vor sogenannten ‚Kinderschändern‘ und die aggressive Verfolgung letzterer, sollten breite Bündnisse in die Bevölkerung hinein geschlossen werden.[1] Der Schutz der Kinder und die Verdammung und Marginalisierung von Pädophilen bot sich offenbar als Vehikel an, um ohne Umschweife ein autoritäres Politikmodell zu propagieren. Die entsprechenden Auto-Aufkleber mit ihrer Forderung nach einer „Todesstrafe“ verdeutlichten das unschwer. Aber auch in den öffentlich wirksamen Aktionen sogenannter Abtreibungsgegner_innen wird der Schutz der (in ihrem Fall noch nicht geborenen) Kinder als gleichermaßen emotionales wie moralisches Druckmittel genutzt, um die reproduktive Selbstbestimmung von Frauen einzuschränken.

Neue Akteur*innen: von konservativ bis rechtsextrem - völkisch

Die neuen Akteur*innen, die mit dem Schutz der Kinder für eine rechte Politik argumentieren sind vielfältig. Seit ein paar Jahren werden zunehmend rechtskonservative Proteste öffentlich wahrnehmbar, die sich vor allem gegen die Akzeptanz sexueller Vielfalt (in diesem Zusammenhang auch die Ehe für alle), gegen Sexualerziehung an Schulen und gegen Geschlechtergerechtigkeit richten. Die politischen Aktionen setzen zum einen auf einer diskursiven Ebene an. D.h. es wird versucht, mit bestimmten Begriffen und vor allem mittels Diffamierung Stimmung zu machen. So werden Sexualerziehung und -aufklärung, die das Thema Sexuelle Vielfalt vermitteln, häufig als „Frühsexualisierung“ diskreditiert und Maßnahmen zur Geschlechtergerechtigkeit als „Gender Wahnsinn“ oder wissenschaftliche Studien als „Gender-Ideologie“ abqualifiziert. Die Aktionen beinhalten zum anderen Demonstrationen, Petitionen, öffentliche Symposien, Netzwerk- und Kampagnenarbeit. Mittlerweile werden die Inhalte auch parlamentarisch vorangetrieben insbesondere in Gestalt der AfD und in Teilen der CSU, die 2016 jeweils entsprechende Formulierungen in ihre Grundsatzprogramme aufgenommen haben. Seit den großen Protesten 2013 in Frankreich gegen die Einführung der Ehe für alle (Marriage pour tous) durch die Protestbewegung Manif pour Tous wurden auch in Deutschland öffentlich wirksam Proteste gegen die Themen Akzeptanz sexueller Vielfalt und gegen Sexualerziehung an Schulen organisiert. Die bekanntesten Gruppierungen sind die „Besorgten Eltern“ und vor allem die Initiative „Demo für alle“ (orientiert am französischen Vorbild der Manif pour Tous). Diese wurde anfänglich aus dem Netzwerk der AfD-Abgeordneten Beatrix von Storch organisiert und ist nach wie vor sehr aktiv ist. Es sind vor allem fundamentalistisch christliche Gruppen sowie konservative bis rechtsextrem-völkische Gruppierungen und Netzwerke, die diese Politik unterstützen.

Argumentation: verkürzend, verdreht, diffamierend

Worum geht es in diesen Protesten, die häufig im Namen der Kinder geführt werden? Zunächst argumentieren die rechtskonservativen und rechtspopulistischen Akteur*innen damit, dass eine zu frühe Konfrontation mit sexuellen Inhalten Kinder überfordere. Sodann wird behauptet, dass eine Akzeptanz sexueller Vielfalt Homosexualität propagiere und diese unnatürlich und gefährlich sei. Zumindest sei es für Kinder wiederum schädlich mit zwei Müttern oder zwei Vätern aufzuwachsen. Problematisch ist an diesen Argumentationen, dass sie häufig verkürzend sind. Teilweise werden Tatsachen verdreht und verfälscht, und unterschiedliche Werte und Lebensmodelle diffamiert. Demgegenüber wird jede Sexualpädagogik vertreten, dass Sexualaufklärung selbstverständlich altersgemäß erfolgen muss. Außerdem werden die sexuellen Inhalte nicht primär durch die Schule vermittelt, sondern vor allem durch andere Institutionen, Personen, Medien, Internet oder gleichaltrige Kinder und Jugendliche.

Für das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit

Aufgabe der Sexualpädagogik ist es, die Autonomie der Jugendlichen im Umgang mit Sexualität zu stärken. Gleichgeschlechtlich orientierte Jugendliche sollen nicht allein gelassen oder stigmatisiert werden. Alle Kinder und Jugendlichen sollen das Recht auf eine möglichst freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit haben. In der bewussten Verkennung dieser Ziele der Sexualpädagogik wird deutlich, dass es den rechtspopulistischen Gruppierungen gar nicht wirklich um die Kinder geht. Kinder werden hier nicht als autonome Wesen angesprochen, sondern als Elemente einer autoritären heteronormativen und bisweilen völkischen Vorstellung von Familie. Familie wird sehr einseitig verstanden und als exklusive klar geordnete heterosexuelle (Zeugungs-)Gemeinschaft propagiert. Mit dem Verweis auf Kinder, mit denen häufig Unschuld, Reinheit aber auch Zukunft assoziiert wird, sollen Menschen für eine Politik mobilisiert werden, die alles andere als unschuldig ist. Diese hat sehr rigide Vorstellungen davon, wer welche Rechte und Freiheiten bekommen darf und vor allem wer nicht.

Deswegen ist es unerlässlich, ein Verständnis von Familie zu verteidigen, das der tatsächlichen gelebten Vielfalt unterschiedlicher Beziehungen und Lebensformen auch gerecht wird. Darüber hinaus ist wichtig Rahmenbedingungen zu schaffen und zu erhalten, die jungen wie älteren Menschen ermöglichen, Sexualität und Geschlecht angstfrei und selbstbestimmt zu entwickeln und dabei andere Lebensformen zu achten.

 

 

[1] Dass der überwiegende Anteil sexueller Übergriffe im familiären Nahraum stattfindet, wird von diesen Gruppen wie von den später erwähnten Verteidigern der heterosexuellen Kleinfamilie gerne verschwiegen.

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