Peking+20 in Europa

Café Europa in Kopenhagen.

Inwiefern Europa sich den Zielen der 4. UN-Weltfrauenkonferenz angenähert hat, ist nicht leicht zu beurteilen - vor allem, weil die nationalen Unterschiede teilweise eklatant sind. So sind in Russland inzwischen 43% der privatwirtschaftlichen Führungspositionen von Frauen besetzt, jedoch sind in der Türkei nur 35% der Frauen überhaupt erwerbstätig. Der Gender Pay Gap ist ebenfalls stark unterschiedlich: Während das durchschnittliche Lohngefälle 16,4% beträgt, variiert es in den verschiedenen Ländern deutlich, von 15% in Schweden zu 30% in Estland.

Generell lässt sich in Europa eine Ökonomisierung von Geschlechterfragen und Gleichstellungspolitiken beobachten, bei denen Themen wie Erwerbstätigkeit, Lohngefälle und Vereinbarkeit von Familie und Beruf privilegiert werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass andere Problematiken in den Hintergrund treten, geschweige denn als "gelöst" verstanden werden sollten.

Während also die Frauenerwerbsquote Europaweit leicht gestiegen ist, machen knappe 22% der europäischen Frauen immer noch Gewalterfahrungen in (Lebens)partnerschaften und/oder durch Angehörige, und auch Feminizide sind eine akute Bedrohung. Besonders im Baltikum und Südeuropa bleibt häusliche Gewalt ein präsentes Thema. In fast allen europäischen Ländern absolvieren mehr Frauen eine Grundschulausbildung als Männer. Die Hochschulausbildung und akademische Berufsausbildung bleibt jedoch mehrheitlich Männern vorbehalten.

Auch in Europa treten in den letzten Jahren zum Teil sehr beunruhigende Regresserscheinungen auf. In Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas, einschließlich einiger EU-Mitgliedsstaaten, erstarken vermehrt anti-emanzipatorische Bewegungen, die sich gegen die Gleichstellung und Gleichberechtigung wenden. Diese „Anti-Gender-Bewegungen“ ordnen Minderheitenrechte und individuelle Selbstbestimmung gleichermaßen einem populistischen Retraditionalisierung unter. Sie üben mitunter hohen Druck auf feministische Aktivist_innen aus, verbreiten Desinformationen beispielsweise über die Legalisierung der Pädophilie in EU-Staaten usw.

Politische Mobilisierung gegen europäische Werte kann, gekoppelt mit Homophobie und Stigmatisierung, wie z.B. in Russland, die elementarsten Rechte von Frauen, LGBTI und Migrant_innen ernsthaft gefährden. Außerdem erschweren zunehmende Repressionen gegen die organisierte Zivilgesellschaft wie im Nordkaukasus verstärkt auch die Arbeit von Frauenorganisationen. Die oftmals zugleich anti-migrantischen, anti-feministischen und ultra-nationalistischen Ideologien dürfen auch im europäischen Westen nicht unterschätzt werden.

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